Wenn Taten für sich sprechen

Josef Steiner

In welchem Verhältnis stehen bei mir Reden und Tun?

Noach tat alles genauso, wie ihm Gott geboten hatte.
Gen 6,22

Für die Pfingstferien war alles geplant und gut vorbereitet: ein Familienurlaub am Strand in Italien, am Donnerstag wollte man aufbrechen. Weil aber der jüngste von vier Buben, der achtjährige Benjamin, sich immer öfter morgens ohne ersichtlichen Grund erbrechen musste, fuhren die Eltern am Dienstag in das örtliche Krankenhaus, um das noch vor der Reise zu klären. Am Mittwoch dann die schockierende Diagnose des MRT: ein tischtennisballgroßes Medulloblastom im Hinterkopf, Operation sofort nötig. Nach einem intensiven Telefonmarathon mit Ärztinnen, Krankenhäusern und Spezialkliniken wurde schließlich im Klinikum Großhadern in München für den Freitag ein Operationstermin zugesagt. Weil das örtliche Krankenhaus in Niederbayern keine Indikation für einen offiziellen Krankentransport gegeben sah, brachten die Eltern Benjamin in einer abenteuerlichen Fahrt über überfüllte Autobahnen und nervende Umleitungen – auf dem Rücksitz der die gesamte Fahrt über schweigende Bub – am Abend in die Notaufnahme der Klinik in München, wo er am Freitag in einer sechsstündigen Operation von seinem Tumor im Kleinhirn befreit wurde. Am darauffolgenden Mittwoch, an seinem neunten Geburtstag, dann der Befund: bösartig, mit streuenden Metastasen in Kopf und Rückgrat. Was war zu tun? Die Eltern entschieden sich für eine Chemotherapie in der Haunerschen Kinderklinik in München. Es wurden neunzig an die Grenze menschlicher Belastbarkeit führende Nächte und Tage.

Keinen Augenblick ließen die Eltern Benjamin allein. Sie übernahmen alle für ihn notwendigen Dienste, Füttern, Waschen, Wickeln, Beziehen des Bettes, und entlasteten oder unterstützten so das therapeutische Personal. Sie schrieben das Protokoll für „Bieseln“, Stuhlgang, Medikamente, Temperatur. Sie begleiteten Benjamin bei unzähligen Untersuchungen und den damit verbundenen Krankentransporten. In der Nacht wachte jeweils ein Elternteil in einem Notbett an seiner Seite, um auf seine Schmerzen, sein Klagen zu reagieren. In gleicher Weise begleiteten seine Brüder Benjamins hartes Schicksal. Sie lasen ihm aus seinen Lieblingsbüchern vor, erzählten manche lustige Begebenheit oder hielten ihm still die Hand. Benjamin verstand alles, aber seit seiner Operation konnte er nur mehr mit Augen und Händedruck kommunizieren. Und als die Eltern ihm mitteilten, dass die Chemotherapie nichts gebracht habe und sie heimfahren dürften, verstand er sofort, was das hieß, und weinte lange herzzerreißend – und dann nie mehr. Abschied und Ergebung in einem. Zur Heimfahrt kam es nicht mehr, die Krankheit war zu weit fortgeschritten. In der Kinderpalliativstation in Großhadern mussten sie von ihm Abschied nehmen. Eltern und Brüder taten, was ihnen das Leben auferlegte. Die mit Benjamin und seinetwegen vergossenen Tränen zeigten sie sich gegenseitig, nicht der Öffentlichkeit.

Noach ist ein Mann der Tat. Er hört Gottes Wort und deutet es als Auftrag. Er macht sich ans Werk, baut den Holzkasten und besorgt die Lebensmittel.
In welchem Verhältnis stehen bei mir Reden und Tun?