Wahlabend

Max Heine-Geldern SJ

Wer sich zur Wahl stellt, gibt sich eine Blöße.

Und weiter sagte er: Gepriesen sei der HERR, der Gott Sems, Kanaan aber werde sein Sklave.
Gen 9,26

Endlich wieder! Nach drei Jahren versammelten sich die Jugendlichen der Ignatianischen Schülergemeinschaft (ISG) in ihrem „Tannerraum“ zur Stadtgruppenkonferenz (SGK). Zweimal im Jahr findet dieses höchste politische Organ des Berliner Jugendverbandes am Canisius Kolleg SJ statt. Aufgrund der Pandemie mussten sich die Jugendlichen jeweils im Wintersemester online und im Sommersemester in der Sporthalle treffen. Aber nun konnten sie sich wieder in ihren eigenen Räumen versammeln. Die Jüngsten waren gerade einmal elf Jahre alt. Der Großteil zwischen 15-17 Jahre. Dicht gedrängt tagten sie freitags acht Stunden lang. Ein reiches Programm sollte abgearbeitet werden. Grob skizziert teilte es sich in zwei Hälften. In der ersten berichteten die unterschiedlichen Gremien über ihre Arbeit und wurden entlastet. Danach folgten Anträge zu Veränderungsvorschlägen, Kreierung neuer Kommissionen oder Abschaffung von diesen. In der zweiten Hälfte wurden die neuen Vertretungen für die einzelnen Gremien gewählt. Gerade die Wahlen erfreuten sich großer Aufmerksamkeit.

Als erstes wurde eine neue Stadtgruppenleitung (SGL) gewählt. Es mussten vier Posten besetzt werden. Zwei für ein ganzes Jahr und zwei für ein halbes. Mindestalter 16 Jahre. Die Verantwortung ist groß, denn die SGL hält die ISG mit ihren über 700 Jugendlichen zusammen, gibt den Rahmen für Veranstaltungen vor und repräsentiert den Jugendverband nach außen. Gerade während der Pandemie mussten sie schwierige und manchmal auch unbeliebte Entscheidungen treffen und umsetzen. Mehr als fünf Stunden pro Woche investieren sie für die Jugendarbeit.
Trotz dieser hohen Ansprüche gab es auch am Freitag wieder Bewerbungen. Hier ereignet sich stets der sensibelste Moment einer SGK. Denn es folgt die Personaldebatte, das heißt die Bewerber und Bewerberinnen verlassen den Raum und die verbliebene Versammlung tauscht sich über die jeweiligen Personen aus. Ziel dieser Debatten ist es, mögliche Bedenken zu nehmen. Dies war nun als Geistlicher Leiter meine fünfte SGK. Und jedes Mal berührt mich, auf welche Art und Weise in diesem Austausch Jugendliche übereinander sprechen. Gleichzeitig staune ich über das Vertrauen jener, die sich bewerben. Denn sie wissen, dass nun über sie gesprochen wird und sie nicht dazu Stellung nehmen können. Sie sind auf die anderen angewiesen. Werden sie bloßgestellt? Nützt jemand diese Schutzlosigkeit zu seinen Gunsten aus? Wird eine alte Geschichte wieder hochgespielt? Letztlich weiß man es nicht. Sie können nur vertrauen.

Womöglich wurzelt ihr Vertrauen in ihren Erfahrungen der vergangenen SGKs, in denen sie an den Personaldebatten selbst aktiv teilgenommen haben. Sie erlebten die achtsame Atmosphäre der Diskurse, die offen und klar ohne zu verherrlichen oder zu verletzten geführt werden. Und sie wissen, dass kein Wort diesen Raum verlässt und Gerüchte schüren würde. Hier erleben und durchleben die Beteiligten, welch Segen sie füreinander werden, wenn sie die Blöße des anderen nicht ausnutzen, sondern mit ihren Worten achtsam bedecken. In ihrem Handeln preisen sie den Gott Sems und Jafets.

Alle zwei Jahre muss sich auch der Geistliche Leiter zur Wahl stellen. So sei es.