Überflüssig werden

Max Heine-Geldern SJ

Wen begleite ich? Wer begleitet mich?

„Er wartete noch weitere sieben Tage und ließ die Taube hinaus. Nun kehrte sie nicht mehr zu ihm zurück.“
Gen 8,12

„Naja, immer wenn man ein schnelles Netz braucht, lässt es einem in Stich … also ist natürlich die Technik daran schuld, dass diese Nachricht erst jetzt bei Dir ankommt: Alles Gute und Segen zum Geburtstag! Ciao PHG.“ „Vielen Dank!! Ja, die Technik und ihre Tücken 😉. Die macht ja, was sie will. Aber ich sag mal so: Wenn Wahlen was verändern würden, dann wären sie verboten.“ „Und das sagst du als SGLer und gewählter Gruppenleiter! Mutig!“ „Ja, eben, wir können so viele SGLerinnen und Leiterinnen wählen, wie wir wollen, aber am Ende stehen wir alle unter dem gleichen tyrannischen Dach: Das Dach vom Heine-Geldern-Regime.“ „Psst! Nicht verraten…“ „Ach, die wollen’s doch eh alle nicht hören!! Sie können die Wahrheit nicht vertragen. Jugend leitet Jugend – angeblich. Ich ziehe mich in meinen Bunker zurück. Da darf man wenigsten noch Mensch sein.“ „Aber schon ziemlich dunkel dort.“ „Aber dafür lebe ich in Freiheit.“ „Im Bunker, wirklich?“ „Ich spreche hier mehr von einer metaphorischen Freiheit bzw. von Freiheit für meine Seele. Metaphorisch beschreibt dies wohl nicht allzu gut.“ „Aber gerade meine freie Seele braucht keinen äußeren Bunker.“ „Poetisch, ich bin zutiefst erquickt.“

Jakob war eben 17 Jahre alt geworden. Seit drei Jahren war er gewählter Gruppenleiter in der Ignatianischen Schülergemeinschaft (ISG) und war damals für ein Jahr gewähltes Mitglied der Stadtgruppenleitung (SGL), dem politischen Leitungsgremium des Jugendverbandes. Unser kurzer Geburtstags-Chat lässt seinen ausgeprägten Humor erkennen. Beinahe täglich schenkte er seine Zeit und Energie der ISG, wo mehr als 700 Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verbringen. Seine Gedankenkarusselle erheitern mich häufig. Gleichzeitig scheut sich Jakob nicht, ungerechte Ereignisse beim Namen zu nennen. Seit seine Amtszeit vor einem Jahr zu Ende ging, kommt er viel seltener, am ehesten nach seiner Gruppenstunde ins Büro. Bald wird er sein Abitur machen und dann in die Welt ziehen.
So läuft das in der Jugendarbeit. Es ist ein Kommen und Gehen. In den knapp achtzehn Monaten meiner Amtszeit als Geistlicher Leiter, schwirrten schon drei verschiedene Hauptgruppen hier ein und aus. Sie prägen mit ihren wunderbaren Charakteren den Alltag, tradieren Know-How und probieren Neues aus. Das Phänomen des Platzhirschen verhindert die Verbandsstruktur.

Im Großen und Ganzen läuft die ISG so geschmiert, dass mich nicht selten das Gefühl des Überflüssig-Seins beschleicht. Das zuzulassen, fällt mir als Machertyp gar nicht so leicht. Doch in Momenten, in denen ich mich darauf einlassen kann, merke ich, wie sich meine Präsenz unter den Jugendlichen verändert: vom leidenschaftlichen Einsatz für die Jugendlichen hin zu einem geduldigeren Mitgehen. Im noch so gut gemeintem „Für“ birgt sich ein Abhängigkeitsverhältnis, das streckenweise notwendig ist, aber nicht das Ziel der Jugendarbeit sein kann. Hingegen schenkt das begleitende Mitgehen beiden Seiten mehr Freiheit ohne die Rollen vermischen zu müssen. Es werden dann wahrlich gemeinsame Wegstrecken, mal länger, mal kürzer, mal durch ruhige, mal durch stürmische Gewässer. Und wenn Jakob oder ein anderer Jugendliche einmal nicht mehr zurückkehrt, dann kann ich mich wie Noach in der Hoffnung freuen, dass die junge Seele in all ihrer Freiheit einen anderen Lebensort außerhalb der schützenden ISG gefunden hat.