Sprache der Liebe

Ruth Zenkert

Mit welchen Maßen machst du jemandem Mut? An welchem Detail erkennst du die Liebe?

So sollst du sie machen: Dreihundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch soll sie sein.
Gen 6,15

Mit Sonnenaufgang weckte mich jeden Morgen um fünf Uhr das Läuten einer Kuhglocke. Eines Tages schaute ich aus dem Fenster und sah im Garten nebenan die alte Nachbarin auf und ab gehen, die Glocke in der Hand. „Ist das ein orthodoxes Morgengebet?“, fragte ich sie. „Gegen die frechen Spatzen, die mir die Samen aus der Erde picken!“, rief sie zurück. Wie sehr sie ihren kleinen Garten pflegte und liebte, fiel mir erst jetzt auf. Alt und gebückt, kann sie keine großen Sprünge mehr machen, auch ihr erwachsener Sohn hat eine körperliche Beeinträchtigung – er hinkt – und kann keiner Arbeit nachgehen. Sie ernähren sich von der Ernte ihres Gartens, haben ein paar Hühner und ein Schwein, kein weiteres Einkommen. Mit ihren wenigen Kräften pflanzt die Nachbarin Salat, Kraut, Mohrrüben, Kartoffeln, Sellerie und anderes Gemüse an, dazu noch ein paar Reihen Mais, für Mamaliga – Polenta – und für die Tiere. Sie hackt, jätet das Unkraut, streichelt gleichsam jedes Kräutlein, damit es gut wächst. Mehrmals am Tag streift sie durch die Furchen und redet ihren Pflanzen zu. Ob sie jeder auch einen Namen gegeben hat? All ihre Liebe legt sie in die Pflege ihres Gartens, nicht zu vergleichen mit dem industriellen Anbau von Großgärtnereien. Und so ist es auch selbstverständlich, dass sie die Feinde ihres Gartens fernhält. Die Schnecken werden eingesammelt, Kartoffelkäfer entfernt, und mit dem Schall der Glocke verjagt sie die Vögel, weg zu den Nachbarn, wo sie genug Körnchen finden. Im Sommer kocht sie im Garten auf einer Feuerstelle ein paar Gläser Marmelade aus den Beeren, die sie am Hügel am Dorfrand gepflückt hat. Wie gut muss das alles schmecken!

Das Glöckchen der Nachbarin hat sich mir als Bild für die Liebe eingeprägt. So wie sie auf jeden Zentimeter in ihrem Garten achtet, so verstehe ich die genauen Maße, die Gott in der Bibel für den riesigen Kasten bestimmt, mit dem die Menschheit gerettet werden soll. Man hat versucht, mit den angegebenen Maßen die Arche nachzubauen, sie soll seetüchtig gewesen sein. Wahrscheinlicher ist die Annahme, dass damit das gewaltige Ausmaß beschrieben werden soll, in dem alle Tiere – außer den Fischen – paarweise Platz haben sollen, dazu Noach und seine Familie. Die Details sprechen von der Liebe Gottes und von der Größe seines Plans. Er will die Menschheit, in der sich die Schlechtigkeit ins Unerträgliche gesteigert hat, vor der Selbstzerstörung retten.
„Dreihundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch“ beschreibt die Rettung. Am Berg Ararat verehren die Armenier heute die Stelle, an der die Arche nach der großen Flut gelandet ist. Noach und seine Familie mit der Tierwelt waren wieder frei und konnten die Felder bestellen.

In der Liebe ist nichts egal, sie achtet auf die Kleinigkeit, in der das Große der Beziehung aufleuchtet. Der Berg Ararat mit der Arche und das Glöckchen der Nachbarin mit ihrem Garten sprechen die Sprache der Liebe. Je genauer das Detail, desto stärker mag die Botschaft sein.

Mit welchen Maßen machst du jemandem Mut? An welchem Detail erkennst du die Liebe?