Spanisches Experiment

Max Heine-Geldern SJ

Ein schmaler Grad zwischen „geht voll“ und „geht gar nicht“.

„Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und entblößte sich drinnen in seinem Zelt.“
Gen 9,21

Siebzig Berliner Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren drängten sich sieben Uhr morgens in den Reisebus. Über vierundzwanzig Stunden führte die Fahrt in die Nähe von Barcelona, wo die Gruppe sich in zwei Selbstversorgerhäuser aufteilten. Über Monate war die Spanienfahrt von zehn ihrer Altersgenossen geplant worden. Es war ein neues Experiment. Die vergangenen fünf Jahre hatten ihre Gruppenleiter und Gruppenleiterinnen für sie jeden Sommer eine zweiwöchige Sommerfahrt organisiert. Nun übernahmen die Teenager selbst Verantwortung und das noch dazu in einem fremden Land sowie in einem Selbstversorgerhaus. Die Herausforderungen waren groß: wie koordiniert man den Einkauf ohne Auto? Holt Trinkwasser für die ganze Gruppe? Wieviel Zeit braucht man für das Kochen usw.? Nach drei Tagen war das Team eingespielt. Die Jugendlichen genossen den Strand vor der Haustür, konnten sich Stunden lang in die Wellen schmeißen, Beachvolleyball spielen oder einfach miteinander quatschen. Zusätzlich gab es ein vielseitiges Programm mit mindestens einer täglichen gemeinsamen größeren Aktion, sei es ein Casinoabend, ein Krimidinner oder eine Strandparty. Dafür brachten sie Kostüme mit, um für jedes Spiel eine besondere Atmosphäre zu kreieren. Natürlich durfte ein Ausflug nach Barcelona nicht fehlen, wo die Stadt mit einer Schnitzeljagd erschlossen wurde. Neben dem Lichtspektakel in der Sagrada Familia war ein Höhepunkt ein Flashmob mit einstudierter Tanzchoreographie mitten in der Stadt. Nach sechs Tagen bestiegen siebzig strahlende Jugendliche den Reisebus zurück nach Berlin. Es war ein gelungenes Experiment.

Die Gruppe ist sich einig, dass folgende drei Grundentscheidungen zu dieser positiven Erfahrung beitrugen. Erstens gaben alle Teilnehmenden ihr Handy ab, sobald wir die Häuser bezogen hatten. Zweitens ließen sich alle auf das Programm ein, gerade weil es von ihrer Peergroup organisiert wurde. Und drittens erklärten sich alle schriftlich vor der Fahrt dazu bereit auf jeglichen Alkohol- und Drogenkonsum zu verzichten. Zum einen verbietet das spanische Jugendschutzgesetz sämtlichen Alkohol vor 18 Jahren und zum anderen sahen wir uns im Vorbereitungsteam nicht in der Lage, die Verantwortung für eine so große, womöglich berauschte Gruppe zu übernehmen. Uns allen war klar, dass für einige Teilnehmende ein solcher Verzicht ein großer Akt ist. Alkohol, Zigaretten oder Joints sind inzwischen Fixpunkte bei ihren gemeinsamen Aktionen. Kaum ein Wochenende vergeht ohne einen Rausch. Stolz wird mit den unterschiedlichen Erfahrungen gebattelt. Oder über peinliche Entblößungen gegossipt. Der Grad zwischen „geht voll“ und „geht gar nicht“ ist ein schmaler. Ähnlich wie die Beschreibung des Rausches von Noach. Für seine beiden älteren Söhne ein Skandal, der verdeckt werden muss, für den Jüngsten Anlass für eine Story, die zur Trennung von seinem Vater führte.

Für die Jugendlichen war die gemeinsame Spanienfahrt in vielerlei Hinsicht ein Experiment. Es bot ihnen den Raum, sich unberauscht auf eine Weise zu entblößen, die kein Gerede oder Scham nach sich zieht, sondern unter ihnen das Band der Vertrautheit gestärkt hat.
Bleibt zu hoffen, dass ihnen das spanische Experiment auf ihrem Weg im Umgang mit Alkohol hilft, ohne ihn künstlich zu tabuisieren oder zu verteufeln.