Sag es ihnen direkt!

Ruth Zenkert

Wo zeigen Menschen in einer schwierigen Entwicklung Mut? Wer hat Ideen? Wer riskiert eine Auseinandersetzung?

Das Wasser nahm immer mehr ab, bis zum zehnten Monat. Am ersten Tag des zehnten Monats wurden die Berggipfel sichtbar.

Gen 8,5

Eine zarte Frau kam zum Vorstellungsgespräch, ihre Antworten waren schüchtern und unterwürfig. „Ich mache alles.” Das versprechen alle, dann kommen die Überraschungen, dachte ich. Wir suchten eine Hilfe für unseren großen Haushalt; die neue Mitarbeiterin sollte die Kinder und Volontäre anleiten und in ihren Zimmern zu Ordnung anhalten. Denisa wohnte in der Nähe und war froh, einen Arbeitsplatz im Ort zu finden und nicht mehr geplagt zu sein mit Nachtschichten und langen Fahrten in die Stadt. Sie machte tatsächlich alles, sogar viel zu viel. Immer wieder musste ich unsere junge Gemeinschaft ermahnen, mitzuhelfen und nicht alles liegen zu lassen. Denisa beschwerte sich, dass die Jungen faul seien und die Kinder, die zuhause weder Wasser noch Waschmaschine hatten, alle ihre Sachen schon nach einem Tag in die Wäsche gaben. „Sag es ihnen direkt. Wasch das Zeug nicht. Gib ihnen Regeln!“, ermunterte ich sie. Denisa wollte aber mit ihnen nett sein und mir die Probleme anhängen. Sie ist fleißig, scheut aber jede Auseinandersetzung. Bei allen Ausbildungskursen – Nähen, Backen, Töpfern – machte sie eifrig mit und zeigte ihre Freude und Begabungen. Nun sollte sie im Nachbardorf die Töpferwerkstatt übernehmen. Anfänglich brachte sie ihr Mann zur Arbeit, aber das ging dann nicht mehr. Hilflos kam sie mit dem Problem zu mir. „Du hast doch auch einen Führerschein. Warum fährst du nicht selber?“, fragte ich sie. Denisa sagte, sie könne nicht fahren, sie habe Angst, und ihr Mann lasse sie ohnehin nicht ans Steuer. „Versuche es!“, hielt ich dagegen, glaubte aber selbst kaum, dass sie die vielen Widerstände überwinden würde. Am nächsten Morgen kroch das blaue Auto um die Ecke, schweißgebadet und strahlend stieg Denisa vom Fahrersitz. Als Erstes rief sie zuhause an, um mitzuteilen, dass sie die sieben Kilometer ohne Unfall geschafft hatte.

Jetzt hat sie eine Schülerin, die bei ihr lernt. Denisa wird sie führen. Sie übernimmt mehr und mehr Verantwortung, sogar wenn es zu Konflikten kommt. Mit ihren Initiativen ragt die zarte Frau unter den anderen Mitarbeiterinnen heraus.

In Rumänien ist das Erbe der schweren Zeiten spürbar. Der Diktator gab die Anweisungen, jeder kuscht und nickte, hinter seinem Rücken aber geschah nichts oder das Gegenteil. Auch heute noch sind die Chefs gefürchtet und an allem Schuld. Die Diktatur hat den Menschen den Mut weggerissen. Ängste haben alles überflutet, bis heute schwächen sie die Seelen.

Die Beobachtung Noachs gilt auch hier. „Das Wasser nahm immer mehr ab, bis zum zehnten Monat. Am ersten Tag des zehnten Monats wurden die Berggipfel sichtbar.“ Es dauert lange, bis gequälte Seelen heil werden und Mut schöpfen. Katastrophen schwinden langsam. Und es braucht ein genaues Hinschauen. In der Ausbildung der jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen blitzt Denisa wie ein Berggipfel auf.

Wo zeigen Menschen in einer schwierigen Entwicklung Mut? Wer hat Ideen? Wer riskiert eine Auseinandersetzung?