Gegen alle Gleichmacherei

Ruth Zenkert

Wo bin ich überlegen? Wer oder was ist meiner Fürsorge anvertraut?

Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf dem Erdboden regt, und auf alle Fische des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben.
Gen 9,2

Es klopft an der Tür. Ich mache sie auf: „Dreimal“, unser schöner Hahn, schaut neugierig ins Zimmer. Er ist es gewohnt, dass er ein Stückchen Käse bekommt. Sofort ruft er seine acht Damen herbei, deren Beschützer und Führer er ist. Frech schnappen sie ihm die Leckerbissen weg. Dreimal will unbedingt herein, denn er weiß, dass in der Ecke das Katzenfutter steht, das auch ihm schmeckt. Schon folgen ihm die Hühner nach, und die ersten Häufchen klatschen auf den Teppich. Ich treibe sie wieder hinaus, der Käse hilft mir dabei, dass sie den Raum schnell verlassen. Nun suchen sie wieder Würmer im Garten. Hier haben sie einen großen Auslauf und finden genug zu fressen. Jeden Tag macht Ovidiu mit Hingabe ihren Stall sauber und bringt ihnen Körner und frisches Wasser. Am Nachmittag schaut er ins Stroh und holt die Eier heraus. Danke, ihr lieben Hühner, dass ihr uns täglich so gute Eier legt! Bei Sonnenuntergang ist es wichtig, dass Ovidiu das Türchen zusperrt, denn viele Füchse streifen durch die Gegend, auch einen Marder soll es geben. Angeführt von Dreimal gehen die Hühner mit einbrechender Dunkelheit von selbst in ihren Stall.
Ovidiu hat eine wichtige Aufgabe in unserem Hof übernommen. Er hat gelernt, zuverlässig für die Tiere zu sorgen. Er ist sehr stolz auf seine Verantwortung. Als seine Schwester einmal übermütig durch den Garten sprang und die Tiere jagte, wies er sie streng zurecht. „Sie dürfen nicht erschreckt werden, sonst haben sie kein Vertrauen mehr zum Menschen.“ Lange steht er morgens vor seiner Schar, fast wie Dreimal, und schaut sie an, redet mit ihnen, streicht über ihre Federn.

Haben die Hühner „Furcht und Schrecken“ vor Ovidiu verloren? Gott hat diese Distanz zum Menschen auf „alle Tiere der Erde, auf alle Vögel des Himmels … und auf alle Fische des Meeres gelegt.“ Im Normalfall ist es so, in der Liebe des Buben zu seinen Hühnern aber zeigt sich die andere Seite des göttlichen Auftrags. Er hat die Tiere „in eure Hand gegeben“. Der Mensch hat Verantwortung für die Tierwelt übertragen bekommen, er soll sie schützen, pflegen und respektieren. Furcht und Schrecken der Tiere sind nicht auszunützen, sondern als Distanz zu verstehen, die in guten Augenblicken überwunden scheint. Und doch bleibt die Hierarchie der Schöpfung – Mensch, Tier, Pflanzen. Keiner darf mit den anderen Geschöpfen machen, was er will. Es ist keine Gleichmacherei. Je überlegener er ist, desto größer ist die Verpflichtung des Menschen, von dem als einzigem gesagt wird, dass er das Abbild/die „Statue“ Gottes sei. Diese göttliche Größe zeigt sich vor allem in der Fürsorge für alles, was ihm anvertraut ist. Doch auch die Tiere haben ihren Herren viel zu geben. Eier und Nahrung, Fleisch und Zutrauen. Sie zeigen ihre Bedürfnisse und sind achtsame Erzieher. Ovidiu musste das Schwein in seinem Hof zurücklassen, als er in eines unserer Häuser aufgenommen wurde. Doch er hat seinen Liebling nie vergessen. Nun erlebt er von den Hühnern eine Nähe und Bedürftigkeit, die ihn groß gemacht hat und die Würde aufdeckt, die Gott in sein Leben hineingelegt hat.