Ein Wort, das wirkt

Georg Sporschill SJ

Welches Wort ist in dir Fleisch geworden? Welches Wort führt dich?

Und das Wort ist Fleisch geworden.
Joh 1,14

Wochenlang hatte der Vater, Schafhirte, meist betrunken und gewalttätig, seine beiden Töchter in seinem verwahrlosten Hof festgehalten. Erst als wir seine Stromrechnung bezahlten, ließ er die zwei, die erst in unserer Gemeinschaft Lesen und Schreiben gelernt hatten, gehen. Eilig flohen sie in unser Auto. Ich war schon losgefahren, aber da saß ein Dritter auf der Rückbank! Ovidiu, ihr Bruder, hatte sich hineingestohlen und blickte mich mit einem breiten Grinsen an. Er war im Dorf verschrien als einer der „Rocker“, weil er wie sein Freund Ionuz am Handgelenk ein schwarzes Lederarmband mit Blechnieten trug. Die Buben waren immer auf der Straße, auch nachts, und hatten schon ziemlich viel angestellt.
Ich hielt an, rechnete ich doch nicht damit, dass Ovidiu wirklich zu uns kommen wollte. Aber der Bub blieb sitzen. „Ich will am Bauernhof mitarbeiten, mit den Tieren“, sagte der kleine Rocker bestimmt. Also nahm ich ihn mit. Er bekam ein Bett, musste sich erst einmal sauber waschen und anziehen und saß dann mit einem Riesenhunger beim Abendessen. Am nächsten Morgen marschierte er mit seinen zu großen Cowboystiefeln zum Bauernhof. Als er am Abend verfroren zurückkam, saßen die Mädchen am Tisch und kämpften mit den Hausaufgaben. Er setzte sich dazu. „Morgen gehe ich nicht mehr in den Stall!“ verkündete er trotzig, eine Träne lief über seine roten Backen. Wir vermuteten, dass ihm die Arbeit im Stall zu viel war. Aber er bestand darauf, das sei nicht das Problem. Er wolle auch lernen und wie seine Schwester in der Kapelle aus dem großen Buch vorlesen. Am nächsten Tag setzte sich Fridolin, unser Zivildiener, mit ihm hin. Mehr als zehn Minuten würde er sich nicht konzentrieren, dachten wir. Aber Ovidiu war eisern. Ein paar Buchstaben kannte er, jetzt wollte er alle kennen. Mit zittrigen Strichen kraxelte der Bub die Zeichen auf das Blatt. Sein großes Ziel war es, das Evangelium vorlesen zu können. Fridolin las mit ihm wieder und wieder den Text für den nächsten Tag und fragte ihn, was er verstand. Dann sollte Ovidiu seine Gedanken dazu aufschreiben. In zwei Stunden schaffte er drei Zeilen, Buchstabe um Buchstabe. Am nächsten Morgen hatte seine Schwester die Aufgabe der Vorleserin. Sie las die Geschichte vom Hirten, der nach dem verlorenen Schaf sucht und alle anderen im Stich lässt, bis er es gefunden hat. Dann trat Ovidiu ans Lesepult, aufgeregt. Er erzählte, wie sein Vater oft über viele Hügel ging, um ein verlorenes Schaf zu finden. Und er empfahl uns, den Armen zu helfen, damit wir alle zusammen sein könnten. Eine Predigt.

Ich habe Straßenkinder erlebt, die mit der Bibel lesen gelernt haben. Noch mehr staunte ich, wie die Worte die Kleinen groß machten. In dem kleinen Rocker ist das Wort Fleisch geworden. Das Wort Gottes hat seine harte Schale aufgebrochen. Er liest Buchstaben und einzelne Worte und bald auch Sätze. Was er hört, deckt im Chaos seiner Kindheit die Liebe auf. Ein geschlagenes Wesen erfreut sich am Lernen. Das ist Menschwerdung.

Für den Heiligen Abend wünsche ich meinen Freunden den Mut, in der Familie das Weihnachtsevangelium vorzulesen. Es wird seine Wirkung tun, auch ohne Erklärung. So wie es den „Rocker“ geöffnet hat, so wird das Kind – Jesus – unser Zusammensein vertiefen und Frieden bringen.