Ein Raum zum Überleben

Ruth Zenkert

Wem schenke ich Beziehung, mit wem teile ich das Leben? Wem gebe ich eine Zukunft, sodass er oder sie wachsen und sich vermehren kann?

Von allem, was lebt, von allen Wesen aus Fleisch, führe je zwei in die Arche, damit sie mit dir am Leben bleiben; je ein Männchen und ein Weibchen sollen es sein.
Gen 6,19

Der Regen hat die Mauer aus Lehm unterspült, lange steht sie nicht mehr. Vom Wellblech, das als Dach dient, tropft es ständig auf den Boden – blanke Erde. Alles, es ist nicht viel, ist feucht. Antonica haust hier mit ihrem neunjährigen Mädchen. Maria ist das Einzige, was ihr geblieben ist. Der Mann hat sie verlassen, Verwandte und Freunde gibt es nicht. Sie muss sich mit der Sozialhilfe durchschlagen. An Maria klammert sie sich fest, ihr darf nichts passieren. Sie lässt sie nicht in die Schule gehen, weil die anderen Kinder ihr etwas antun könnten. Sie könnte krank werden, wo sie doch so empfindlich ist. Eine Allergie erlaubt es dem Kind nicht, Tiere zu berühren. Die Schalen von Äpfeln müssen entfernt werden, Gemüse verursacht Durchfall. Und immer muss Maria eine Mütze aufsetzen, sonst entzünden sich die Ohren. Zwei Menschen im Unglück aneinander gekettet!
Inzwischen haben wir die Ruine abgetragen und mit Ziegeln ein Haus gebaut. Antonica hält den Raum sehr sauber, den kleinen Garten bepflanzt sie mit Gemüse, auch Blumen will sie haben. Wir haben ihr angeboten, dass sie bei uns mitarbeiten kann. Im Bauhof bereitet sie den Arbeitern das Mittagessen und macht danach sauber. Die jungen Lehrlinge werfen ihr zum Dank Handküsse zu, das hat sie schon lange nicht mehr erlebt. Anfangs wollte sie Maria mit in die Arbeit nehmen, doch dann, nach langem Zögern, brachte sie das zarte Geschöpf in unser Haus, mit vielen Anweisungen, was sie nicht machen dürfe. Emilia, eine Volontärin, lernt und spielt mit Maria. Wenn niemand hinschaut, streichelt das Mädchen Buli und Simsa, die zwei Straßenhunde, die um sie herumschwänzeln – obwohl die Mama ihr verboten hat, die Tiere anzufassen. Baghera, unsere schwarze Katze, setzt sich zu Maria, wenn sie schreibt, und selbst die scheue Katze Kaba ist neugierig auf das kleine Mädchen. Nächste Woche sind die Schulferien zu Ende, dann wird Emilia das Mädchen mit ins Sozialzentrum zu den anderen Kindern nehmen. Gabriel aus der Nachbarschaft hat schon nach ihr gefragt. Die gleichaltrigen Mädchen und Buben werden eine neue Welt für sie eröffnen.

Mutter und Kind werden nicht leicht den Ketten der Einsamkeit entkommen, doch die neue Gemeinschaft wird sie retten. Bei Antonica ist es die Arbeitswelt, bei Maria ist es die Schule und die Gemeinschaft in unserem Haus, wo alle Platz haben: dunkle und helle Gesichter genauso wie Begabte und Zurückgebliebene. Die Tiere werden die Mauern der Ängstlichkeit überwinden und Freundschaft schenken. Wie in der Arche, die Gott dem Noach als Projekt aufgetragen hat. Er soll nicht nur seine Familie, sondern alle Wesen aus Fleisch, also die Tiere, am Leben erhalten. Erstens indem er sie in den geschützten Raum, in die Arche, bringt, nicht mit Gewalt, sie lassen sich führen. Und zweitens, in der Gemeinschaft mit ihm sollen sie leben und überleben. Und es müssen jeweils zwei sein, männlich und weiblich. Sie teilen das Leben mit ihm, dem Retter, und sie sind nicht allein in ihrer Art, sie sollen sich vermehren und für die Zukunft sorgen.

Wen bringe ich in einen geschützten Raum zum Überleben? Wem schenke ich Beziehung, mit wem teile ich das Leben? Wem gebe ich eine Zukunft, so dass er oder sie wachsen und sich vermehren kann?