Die Phase, in der nichts mehr zu sehen ist

Ruth Zenkert

Hast du einmal eine negative Entwicklung gesehen und bist ihr machtlos gegenübergestanden?

Das Wasser war auf der Erde gewaltig angeschwollen und bedeckte alle hohen Berge, die es unter dem ganzen Himmel gibt.
Gen 7,19

Iosif hatte sich entschlossen, uns zu verlassen, für immer. Definitiv. Er sei erwachsen und wolle seiner Wege gehen, arbeiten, eine Familie gründen. Er holte seine Dokumente, die wir für ihn beschafft hatten und in Sicherheit aufbewahrten. Schon mehrmals hatten wir eine Kopie anfordern müssen, weil er den Ausweis verloren hatte. Nie mehr würde er zurückkommen, so hatte sich Iosif entschlossen. Alle redeten auf ihn ein. Wir schlugen ihm vor, ein oder zwei Wochen zu seinen Freunden zu fahren, wie er es schon oft getan hatte. Nirgendwo hielt er es lange aus, überall gab es nach kurzer Zeit Streit, und er zog weiter. Nach solch einer Irrfahrt kam er dann wieder zurück und fand Ruhe in unserer Gemeinschaft, mit geregeltem Leben. Seit über dreißig Jahren ging das so. Wir waren zufrieden, wenn die Phasen länger wurden, in denen er es an einem Ort, meist bei uns, aushielt. Viel Schönes hatten wir mit ihm erlebt. Iosif ist, wenn ihn nicht der Teufel reitet, ein fröhlicher Mensch, der viel Liebe ausstrahlt. Er hat viel zu erzählen von seinem früheren Leben auf der Straße, in den Kanälen von Bukarest, er singt, tanzt, es ist immer lustig mit ihm. Wir waren miteinander unterwegs, überall fand er sofort Freunde, alle schlossen ihn gleich ins Herz. Wir waren uns sehr nahe, wie in einer Familie. Bei all der Freundschaft aber rechnete ich damit, dass wieder der Tag kommen würde, wenn seine Augen Feuer spuckten und er seine Reise antreten wollte.
Dieses Mal bestand er darauf, dass sein Abschied „definitiv“ sei. Es wurde immer schwieriger, er provozierte Streit, schimpfte bösartig und zog alle Register, wie er uns verletzen konnte. Da war es auch mir zu viel. Ich sah keinen Weg mehr, ihn aufzuhalten, oder ihm die Türe zur Rückkehr offen zu halten. „Weißt du, was du damit sagst? Dann wird es wirklich keine Rückkehr mehr geben, auch wenn du es willst. Ich nehme deine endgültige Entscheidung ernst“, mahnte ich ihn. Er nahm seine Dokumente und zog davon. Mit allen Erinnerungen, der langen gemeinsamen Geschichte. Als er mit seinem Rucksack die Straße entlang ging, ohne zurückzuschauen, alles hinter sich ließ, war mir klar: Es war wirklich ein definitiver Abschied.
Schon am Abend schrieb er eine Nachricht, ob er zurückkommen könne, weil er nichts für die Nacht gefunden habe. Ich antwortete ihm nicht.

Die Flut hat alles verschlungen. Machtlos mussten wir zusehen, wie die Vernichtung zunahm. Unserer kleinen Gemeinschaft ging es wie Noach und den Seinen in der Arche. Unsere hehre Aufgabe war es, gegen die Flut der Verwahrlosung anzukämpfen. Vieles konnten wir aushalten, am Schluss aber bedeckte die Flut alles – die Gipfelerlebnisse und die himmlischen Augenblicke mit Iosif. So „gewaltig“ war das Wasser „auf der ganzen Erde angeschwollen“. Wie am Beginn der Schöpfung, als die Wasser des Himmels und der Erde noch nicht getrennt waren. Noach und die Seinen umgab eine unheimliche Ruhe. Mit Iosif erlebten wir die Dynamik des Anschwellens, bis wir von ihm nichts mehr sahen. Einsamkeit und Stille.

Hast du einmal eine negative Entwicklung gesehen und bist ihr machtlos gegenübergestanden?