Der Rabe spricht mit mir

Ruth Zenkert

Zu welchen Vögeln hast du einen Bezug? Wo begegnen sie dir? Was rufen sie dir zu?

Auch von den Vögeln des Himmels jeweils sieben, männlich und weiblich, um Nachwuchs auf der ganzen Erde am Leben zu erhalten!
Gen 7,3

 

Ein schwarzer Rabe sitzt auf meinem Schreibtisch und schaut mir bei der Arbeit zu. Er ist aus Holz geschnitzt, ein Werk von meinem Vater. Im Garten hatte er an den Bäumen Brutkästen angebracht, vor dem Wohnzimmerfenster war ein Vogelhäuschen, das er angefertigt hatte. Viele Vögel flogen ständig ein und aus, meine Eltern kannten jeden einzelnen. Rotkelchen, Meisen, Finken, Kleiber, Amseln, Schwalben, Tauben, freche Spatzen und die großen Elstern. Es war eine lebendige Freundschaft, oft imitierte mein Vater ihr Trillern und Pfeifen. Dann begann er, Vögel zu schnitzen. Er schuf die Holzfiguren, meine Mutter bemalte sie. Einige dieser bunten Exemplare sitzen jetzt bei mir. Allen voran der Rabe, der das Logo unseres Vereins ist. Der Rabe, das ärgste Schimpfwort für Roma in Rumänien, hat einen schlechten Ruf. Doch er ist ein hochintelligentes Tier, das vielschichte Handlungen planen kann, Schlüsse zieht und sehr lernfähig ist. Er legt bei roten Ampeln Nüsse auf die Straße und lässt sie von den Autos knacken. Sie können zu Freunden werden. Eine alte Dame, die das KZ überlebt hatte, bekam in Wien jeden Tag Besuch auf ihrem Balkon. Ein Rabe durchbrach ihre Einsamkeit, sie gab ihm den Namen Jakob, bis zu ihrem Tod war er ein treuer Geselle. Ich liebe den Raben, weil er in der biblischen Geschichte dem Propheten Elijah auf der Flucht Fleisch und Brot brachte. Er begegnet mir auch auf den Hügeln Transsilvaniens, wo er auf den Bäumen und Büschen thront und krächzt. Was will er uns erzählen? Er erinnert mich an die Diskriminierung der „Raben“, der dunkelhäutigen Bevölkerung in unseren Dörfern. Dann schaue ich in die Weite und sehe die Greifvögel, Adler und Bussarde, die es hier gibt. Souverän segeln sie über die Täler und schauen aus nach Beute. Wie schön wäre es, wenn man sich wie sie erheben und mit dem Adlerblick von weit oben einen Überblick verschaffen könnte – und dann alles klein und nichtig erscheint, was uns hier quält. Die diebischen Elstern muss ich verjagen, wenn sie frech aus dem Hundenapf Futter herausfressen. Und etwas Mitleid plagt mich, wenn ich in meinem Zimmer viele Federn sehe und aus dem Eck eine schmatzende Katze höre. Sie sollte lieber die vielen Mäuse fangen.

Wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert, verspricht der Psalm dem Menschen, der das Gute sieht und danken kann. Er spürt Kräfte und kann sich erheben wie ein Adler. Jesus hatte eine besondere Liebe zur Taube. Bei seiner Aktion im Tempel stieß er die Tische der Geldwechsler um und verjagte sie aus dem Hof, der den Fremden und Suchenden Raum geben sollte. Die Taubenhändler aber ermahnte er mit milden Worten, Platz zu machen. Denn Tauben waren die Opfertiere für die Armen. Tauben kauften seine Eltern, als sie Jesus am achten Lebenstag zum Tempel brachten.
In der Gestalt der Taube kam der Heilige Geist auf Jesus herab, um ihm seine Lebensaufgabe mitzuteilen. Er ist gesandt, den Frieden zu bringen. Wie eine Friedenstaube sollte er für die Welt sein. Und er sollte wie der Prophet Jona – das hebräische Wort für Taube – den Verlorenen den guten Weg geben.

Welches Glück ist die Vielfalt der Vögel! Sie sollen nicht aussterben. Wie damals nach der Flut soll die Vogelwelt auch heute erhalten bleiben. Sie zirpt und trillert uns in vielen Farben und Tönen eine göttliche Botschaft zu.