Wer ein Kind rettet, der rettet die Welt

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Tiroler Tageszeitung, 27.7.2016
Maria Harmer

Bukarest, Sibiu – „In einem roten Mantel stieg Adrian aus dem Kanal“, erinnert sich Pater Georg Sporschill an seine erste Begegnung mit „dem Prinzen“. Adrian war eines von Tausenden Kindern, das nach der Wende im Dezember 1989 nach dem gewaltsamen Ende von Diktator Nicolae Ceausescu aus den riesigen kommunistischen Kinderheimen weggelaufen ist und dann wie viele im Kanalnetz in der Nähe des Bahnhofes in der rumänischen Hauptstadt Bukarest gelebt hat. Ihm und anderen ist der österreichische Jesuitenpater begegnet. „Sie waren verwildert, verdreckt, gewaltbereit“, erinnert sich der jetzt 70-Jährige. „Adrian war damals erst 14, aber einer ihrer Anführer. Er schickte uns die Hilfsbedürftigen, ist aber selbst jahrelang nicht in eine unserer Einrichtungen gezogen.“

Adrian hat damals – wie unzählige Straßenkinder – billigen Autolack geschnüffelt, um seinen Hunger nicht zu spüren, um den Durst zu vergessen, und vielleicht, um das Leben überhaupt ertragen zu können. Nach einem Besuch von Kardinal Christoph Schönborn hat er den roten, vom Leben auf der Straße gezeichneten Mantel abgelegt und sich bereit erklärt, den Kanal gegen ein Bett zu tauschen. „Gewaschen und entlaust war er ein schüchternes und zartes Bürschchen“, erinnert sich Sporschill. Doch mehr als einmal ist er wieder weggegangen, ist abgestürzt, hat Heroin gespritzt, war monatelang verschollen.

Adrian, „der Prinz“, ist eine Herausforderung und vielleicht auch ein Synonym für den jahrzehntelangen Einsatz von Pater Sporschill.

Ursprünglich war der charismatische Priester 1991 von seinem Orden für sechs Monate nach Rumänien geschickt worden. Zusammen mit drei Helfern – unter ihnen seine langjährige Mitarbeiterin in Wien, die aus Baden-Württemberg stammende Religionspädagogin Ruth Zenkert – gründete er vor 25 Jahren den Verein „Concordia“ für Straßenkinder. Bereits in Wien hatte der gebürtige Vorarlberger die Wilden, die Unangepassten, die Schwierigen unter den Jugendlichen ins Zentrum seiner Sozialarbeit gestellt.

Von Prälat Leopold Ungar, dem Präsidenten der Caritas, war Georg Sporschill im Jahr 1982 der Schlüssel eines ehemaligen Damenstiftes in der Blindengasse in die Hand gedrückt worden. Dort entstand das Jugendhaus der Caritas, eine Zuflucht für haftentlassene, drogensüchtige, obdachlose Jugendliche. Auch der „Canisibus“, der bis heute Menschen auf der Straße mit einer warmen Suppe versorgt, und das „Inigo“, ein Lokal gegenüber der Jesuitenkirche in der Wiener Innenstadt, in dem ehemalige Obdachlose Arbeit und Selbstvertrauen finden, gehen auf die Initiative von Pater Sporschill zurück.

Dabei wollte der am 26. Juli 1946 geborene Vorarlberger ursprünglich Jus studieren. Gemeinsam mit einem Freund trat er aber nach der Matura in Innsbruck ins Priesterseminar ein, ging 1968 für ein Jahr nach Paris, verließ das Priesterseminar, heiratete beinahe und begann nach Abschluss seines Theologie- und Pädagogik- sowie Psychologiestudiums als Hochschulassistent und Jugendreferent der Vorarlberger Landesregierung zu arbeiten. Mit 30 Jahren gab er sein Leben als Beamter auf und trat in den Jesuitenorden ein; zwei Jahre später wurde Georg Sporschill in Wien zum Priester geweiht.

„Der Beginn meiner Jugendarbeit war vielleicht, dass ich in der Familie schon früh Verantwortung für meine jüngeren Geschwister übernehmen musste“, sagt Sporschill heute rückblickend. Er wuchs als fünftes von neun Geschwistern in Feldkirch in Vorarlberg auf und meint, viel von dem, was er heute mit seinen Straßenkindern macht, von seiner Mutter gelernt zu haben, von der er respekt- und liebevoll erzählt.

„Wer ein Kind rettet, der rettet die ganze Welt“, dieses jüdische Sprichwort ist Georg Sporschills Mantra geworden. Wohl Tausende hat er in den letzten Jahren und Jahrzehnten „gerettet“. Hat ihnen saubere Kleidung, Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Geborgenheit in familienähnlichen Strukturen geschenkt. Ihre Ausbildung als Schlüssel für eine bessere Zukunft ist und war ihm immer ein besonderes Anliegen.

Der Verein „Concordia“ hat seine Arbeit nach den Anfängen in Bukarest auf andere Teile Rumäniens und später auch auf die Republik Moldau und Bulgarien ausgeweitet. Die Republik Moldau gilt als das „Armenhaus Europas“, ein großer Teil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter hat das Land verlassen, um im Ausland Geld zu verdienen. Zurück bleiben die Kinder und die alten Menschen.

Vor fünf Jahren, anlässlich seines 65. Geburtstages, hat der Jesuitenpater den Verein in jüngere Hände übergeben. Doch das Wort „Ruhestand“ scheint im Wortschatz des tatkräftigen katholischen Ordensmannes nicht vorzukommen: Vor vier Jahren hat er den Verein „Elijah“ gegründet und engagiert sich nun in Siebenbürgen für Romakinder. „Der biblische Prophet ist für mich der Patron der Sozialarbeit“, sagt Sporschill. Raben haben der Legende nach dem Propheten auf der Flucht das Leben gerettet und ihn mit Nahrung versorgt. Gleichzeitig ist „Rabe“ das schlimmste Schimpfwort der Rumänen für die Roma, erzählt der Jesuitenpater. Daher habe er die Raben als sein Logo für „Elijah“ gewählt. Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf und langfristig eine Ausbildung als Schlüssel für eine bessere Zukunft – das ist auch in Siebenbürgen sein Ansatz in der Sozialarbeit mit der marginalisierten Volksgruppe der Roma.

Viele der Kinder, denen Georg Sporschill in den vergangenen 25 Jahren im Lauf seines Einsatzes in Rumänien geholfen hat, sind mittlerweile erwachsen. Und viele von ihnen haben „es geschafft“. Haben einen Beruf erlernt, vielleicht eine Familie gegründet. Und einige von den ehemaligen Straßenkindern aus Bukarest sind heute wichtige und wertvolle Mitarbeiter von „Elijah“ in Siebenbürgen, sind wichtige Brückenbauer in die Häuser und Hütten in den meist illegalen Siedlungen der Roma und Vorbilder für ihre Bewohner.