Von den Roma lernen

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Pater Georg Sporschill feiert am Dienstag seinen 70er – an seinem Lebenswerk arbeitet er immer noch intensiv.

Wiener Zeitung, 23.7.2016
Mathias Ziegler

Wien/Bukarest. Erst drogensüchtige und obdachlose Jugendliche in Wien, dann Straßenkinder in Bukarest und jetzt Roma-Familien in Siebenbürgen: Seit 40 Jahren ist Georg Sporschill nicht nur Jesuit, sondern auch Sozialarbeiter. Kommenden Dienstag feiert der Vorarlberger seinen 70. Geburtstag und blickt auf ein bewegtes Leben zurück, das in Feldkirch als fünftes von neun Geschwistern begonnen hat und bis heute von großen Familien (im weitesten Sinn) geprägt ist.

War es zunächst der Jesuitenorden, in den er 1976 eintrat, wurden es bald die strafentlassenen Wiener Jugendlichen, für die er in der Blindengasse eine Bleibe errichtete. Es folgten weitere Einrichtungen wie die Obdachlosen- Ausspeisung Canisibus und das Innenstadtlokal Inigo für Langzeitarbeitslose, ehe er vor genau 25 Jahren von seinem Orden nach Rumänien entsandt wurde und dort gemeinsam mit der aus Deutschland stammenden Caritas-Mitarbeiterin Ruth Zenkert (54) den Verein Concordia gründete. Kinderhäuser, Kinderdörfer, Lehrwerkstätten und Sozialzentren wurden errichtet. Mittlerweile betreut der Verein, der 2004 nach Moldawien und 2008 nach Bulgarien ausgeweitet wurde, mehr als 10.000 Straßenkinder pro Jahr.

Die Führung haben Sporschill und Zenkert allerdings 2012 in die Hände ihrer Nachfolger gelegt und sich einer neuen Aufgabe gewidmet: 2013 gründeten sie den Verein Elijah, der sich in drei Dörfern in Siebenbürgen um Roma- Familien kümmert. Mit dabei ist auch Sporschills langjährige Wegbegleiterin Katharina Spartalis, die im Jahr 2000 als Spenderbetreuerin zu Concordia kam und über den Aus- und Aufbau der beiden Vereine sagt: „Das war sehr beeindruckend als Mitarbeiter zu sehen, wie viel Pater Georg und Ruth Zenkert sich zugemutet haben, obwohl sie ohnehin schon so viel zu leisten hatten. Sie haben sich fast rund um die Uhr für die Sache eingesetzt und viele Ideen entwickelt, mit denen man helfen konnte. Ich war dabei, wie ein großes Werk entstanden ist.“

Bei Elijah habe man „wieder bei Null angefangen und geschaut, wo die Not am größten ist“, berichtet Spartalis. Getreu dem Motto der Jesuiten, „dorthin zu gehen, wo sonst keiner ist“. Freilich waren die Voraussetzungen andere als seinerzeit bei Concordia. Denn Sporschill hatte ja bereits 36 Jahre Erfahrung in der Sozialarbeit, davon 21 Jahre in Osteuropa, und auch schon einen gewissen Status in der Region: „Man kennt ihn und weiß auch, wie vielen Menschen in Rumänien, Bulgarien und Moldawien er schon geholfen hat.“

Kein Gedanke an Ruhestand

Das neue Projekt Elijah ließ freilich zunächst manche um den Verein Concordia bangen: Was würde daraus nach Sporschills und Zenkerts Abschied werden? Die Übergabe an die Nachfolger verlief aber gut, und Concordia ist seither noch weiter gewachsen. Angesichts seines bevorstehenden 70ers ist für Sporschill natürlich auch bei Elijah die Nachfolgefrage ein Thema. Schon jetzt nimmt er sich in vielen Bereichen zurück, auch wenn ihn Spartalis als „unverzichtbaren Teil des Projekts“ bezeichnet.

Ans Aufhören denkt der Jesuitenpater trotzdem nicht: „Das Arbeiten hält jung, andere Pläne habe ich keine.“ Eine „Horrorvorstellung“ wäre jedenfalls für ihn, seinen Lebensabend im Altersheim zu verbringen. Im Gegenteil fühlt er sich wohl in dem ständigen Gewusel um ihn herum, ist er doch in einer Großfamilie aufgewachsen. „Ich bin das gewohnt und brauche es manchmal fast. Mich beeindruckt jeder einzelne Mensch und jedes einzelne Kind“, sagt er über seine Schützlinge, die ihn zum Teil seit 25 Jahren begleiten. Bei Elijah sind sehr viele ehemalige Concordia-Jugendliche aktiv. Für seinen runden Geburtstag plant er eine Wanderung mit Jugendlichen. Insgesamt zieht er eine positive Bilanz über sein Lebenswerk, an dem er immer noch intensiv arbeitet: „Ich bin sogar begeistert, denn das Normale kenne ich nicht. Wunder erlebe ich täglich. Natürlich gehen hier die Uhren anders als in Österreich, aber im Endeffekt staune ich immer wieder darüber, was möglich ist.“ Er bekennt aber auch, dass er auch mit 70 Jahren „nicht viel geduldiger als früher“ ist.

Auch Spartalis stellt fest: „Ich erlebe ihn unverändert, was seine Energie und seinen Arbeitsanspruch betrifft. Es ist natürlich viel, und ich kenne kaum Menschen, die sich so viel persönlich in eine Aufgabe hineinhängen, und zwar fast rund um die Uhr. Aber da kommt auch so viel zurück von den Kindern, von den Jugendlichen, von Freunden, dass das neben seinem tiefen Glauben das ist, was ihm Kraft gibt. Ich habe auch mit ihm gelernt, die Bibel zu lesen. Er kann die Weisungen aus der Bibel wirklich in den Alltag so umsetzen, dass es keine Belehrungen sind, sondern eine geistige Bereicherung, die Früchte tragen.“ So wie in den wöchentlichen „Bimails“ auf elijah.ro, in denen Bibelstellen ausgelegt werden, aus denen heuer das Buch „Elijah und seine Raben“ entstanden ist (Verlag Amalthea; 237 Seiten; 19,95 Euro).

Direkter Weg zu den Menschen

Sporschill versteht es auch, nicht nur seine Mitarbeiter mitzureißen, sondern auch Menschen zusammenzubringen, meint Spartalis: „Beim sogenannten Rabentanz, einem großen Roma-Fest, war es jüngst beeindruckend zu sehen, wie sich die verschiedenen Gruppen – Rumänen, Siebenbürger Sachsen, Roma –, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben, zu einem großen Fest versammelt haben. Und Pater Georg kennt in den Roma-Dörfern wirklich jeden, er kennt jede Geschichte und jede Not.“ Sie bewundert auch seinen „direkten Weg zu den Menschen“ – egal ob zu Straßenkindern, Roma oder Unterstützern im Westen. „Unabhängig von der äußeren Erscheinung und den Umständen schauen er und Ruth in die Herzen der Menschen. Und sie strahlen eine Fröhlichkeit aus, das ist nicht so, dass man mit traurigem Blick dabeisteht und die Betroffenheit überhandnimmt.“

Dabei erlebte sie jüngst im sogenannten Ziegental das ganze Elend einer Roma-Siedlung, in der Dreijährige noch nie mit Wasser in Berührung gekommen waren, weil es das dort einfach nicht gab. „Trotzdem waren die Kinder fröhlich, dort quillt das Leben, und man weiß eigentlich gar nicht, warum die so lustig drauf sind. Aber es sind herzliche, freundliche Menschen und Überlebenskünstler, die sich so gut es geht um ihre Kinder kümmern, eben unter schwierigsten Bedingungen. Da geht einem das Herz auf, trotz des schockierenden Elends.“ Eines Elends, das sich nur wenige Autostunden entfernte Österreicher kaum vorstellen können. Oft geht es also um ganz basale Bedürfnisse: Wasser, Stromversorgung, Kleidung.

Missionierung war in Sporschills nie ein großes Thema – eher umgekehrt: „Die Straßenkinder haben von sich aus vor dem Essen gebetet. Da kommt viel mehr von ihrer Seite als umgekehrt“, sagt Spartalis. Und Sporschill meint: „Ich predige nie in den Gottesdiensten. Wenn, dann tun es die Kinder.“ In ihrer Arbeit für die Roma folgen er und Zenkert nicht einem vorgefassten Konzept, sondern stimmen sie ganz intensiv mit den Bedürftigen ab – und sind jederzeit bereit, die Richtung zu ändern, wenn es notwendig erscheint. „Sie sind offen und bereit, vom Gegenüber zu lernen und sich auch überraschen zu lassen. Das ist nicht immer unanstrengend, weil man dabei flexibel sein muss und es anders kommen kann, als man denkt.“