Flüchtlinge: „Undankbar sind sie auch noch!“

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Wie man mit Flüchtlingen umgehen könnte: ein Gespräch mit dem Jesuitenpater Georg Sporschill, der seit Jahrzehnten als Sozialarbeiter tätig ist.

Tiroler Tageszeitung vom 28.5.2016
von Johannes Huber

Innsbruck – 90.000 Flüchtlinge hat Österreich im vergangenen Jahr aufgenommen. Und dann hört und liest man nur noch von Problemen: Vergewaltigungen, Diskriminierungen, Integrationsverweigerungen etc. Da hilft man ihnen also – und sie sind letzten Endes undankbar? Zugegeben: Wer kann solche Gedanken ausschließen? Sehr wahrscheinlich kommt das auch von daher, dass kaum jemand tagtäglich mit Syrern, Afghanen und Irakern zu tun hat; laut einer Umfrage der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist das beispielsweise nur bei einem Prozent der Deutschen der Fall. 99 Prozent reden also über Fremdes; und das ist noch immer der beste Nährboden für Unbehagen. Abgesehen davon ist nicht jeder Sozialarbeiter, der weiß, was man erwarten kann, um nicht enttäuscht zu werden.

Der Jesuitenpater Georg Sporschill ist Sozialarbeiter: Nachdem er unter anderem in Innsbruck bei Karl Rahner studiert hatte, setzte er sich in den 1980er-Jahren mit Schwerverbrechern in Wien auseinander; in den 1990ern folgten Straßenkinder in Bukarest und in den 2000ern alte Menschen in Moldawien. Heute lebt er mit Roma im rumänischen Siebenbürgen zusammen. Auch wenn es sich dabei um kein Flüchtlingsprojekt handelt, zeigt sich, wie aufschlussreich der Erfahrungsschatz des Sozialarbeiters ist.

Gut eine Stunde dauert das Gespräch, da sagt Sporschill den Satz: „Wir müssen den Schatz heben, damit er nicht zur Bombe wird.“ Da steckt alles drinnen. Die Asylwerber können die österreichische Gesellschaft bereichern. Dazu muss aber auch sie selbst einen Beitrag leisten. Ohne einen solchen geht es nicht, könnte es vielmehr sogar zu einem schlimmen Ende kommen. Wobei es im Grunde genommen keine Wahlmöglichkeit mehr gibt; die Kinder, Frauen und Männer, die ihre Heimat verlassen haben, sind längst da. Man „muss“ also mit ihnen.

Partnerschaft und Geschäft

Als Sozialarbeiter weiß Pater Georg Sporschill, dass die Sache nicht einfach ist. Man kann sich das auch als eine Bergtour vorstellen, die auf dem Plan steht: Man sollte sich bewusst sein, dass ein langer Weg mit Hunderten Höhenmetern bevorsteht. Dass der Aufstieg sehr viel Kraft kosten wird. Und dass es gut sein wird, nicht nur genügend Proviant mitzunehmen, sondern am besten auch in Begleitung von Freunden zu gehen. Das stärkt. Sollte man von vornherein zweifeln, dass man die Tour überhaupt schaffen kann, ist es im Einzelfall besser, das offen zu sagen. Sonst fällt man irgendwann einmal auch Anderen zur Last.

„Die Flüchtlingsarbeit ist eine gewaltige Herausforderung“, sagt Sporschill: „Da müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, wie auch ein Durchhaltevermögen vorhanden sein muss. Daher bin ich niemandem böse, wenn er sagt, ich kann das nicht, das überfordert mich. Im Gegenteil, es ist sogar besser, wenn das gleich klargestellt ist.“

Also, auf geht’s: Wie könnte man es angehen? Auffallend oft verwendet Georg Sporschill das Wort „Partnerschaft“; und wenn er von seinen persönlichen Erfahrungen spricht, greift er in diesem Zusammenhang zum Teil auch zu „Geschäft“. Soll heißen: Der eine gibt nicht nur, der andere nimmt nicht nur. Es handelt sich vielmehr um einen wechselseitigen Prozess, aus dem irgendwann einmal beide als Gewinner hervorgehen können.

Dieser Zugang macht es für Sporschill denn auch so heikel, wenn man davon redet, dass Flüchtlinge „Werte“ übernehmen, ja, so ticken müssten wie wir. Zum einen verbaut das eine Beziehung, die von gegenseitigem Respekt getragen sein sollte. Und zum anderen müsse man berücksichtigen, dass man es mit Menschen zu tun habe, die sich in einer Notlage befänden und vielleicht sogar traumatisiert seien: „Von jemandem, der verletzt ist, kann ich nicht erwarten, dass er alles richtig macht. Ich muss vielmehr einkalkulieren, dass er nicht souverän ist und alles falsch macht.“

Das heißt nicht, dass man alles erdulden muss. Es ist laut Sporschill aber wichtig, zu versuchen, sich – zunächst – unerklärliche Verhaltensweisen zu erklären. Dann stoße man möglicherweise auch auf einen Beitrag, den man geleistet hat. Ein solcher könnte etwa darin bestehen, dass man Asylwerbern monatelang verbietet, zu arbeiten: „Das ist für mich so, als würde man jemanden in einen Käfig sperren und erwarten, dass er nett ist. Das kann nicht gut gehen: Damit wird diese Person nicht nur erniedrigt; es wird ihr auch unmöglich gemacht, ihre Talente einzubringen. Daher muss sie ungenießbar werden.“ Nachsatz: „Und wir kommen dann daher und sagen, sie sei undankbar.“

Will man eine Partnerschaft im Sinne eines Geschäfts, von dem beide profitieren, müssen einige Fragen geklärt sein, erläutert der gebürtige Vorarlberger: „Auch wenn es oft gar nicht einfach sein mag, eine Partnerschaft mit dem Hilfsbedürftigen zu finden, muss ich darüber nachdenken, wie ich ihm eine Chance geben kann. Das ist entscheidend. Gelingt das, ist schon viel erreicht.“

Aufeinander Zugehen

Übersetzt auf die Flüchtlinge könnte das beispielsweise bedeuten, dass sie ein Handwerk, das sie gelernt haben, ausüben dürfen. Vielleicht kommen so sogar spannende Dinge zustande, die hierzulande bisher ungekannt waren, die aber nützlich oder auch nur schön sind. Oder: „Ich lasse die Menschen einen Vortrag über ihre Lebensweisen und darüber halten, woran sie glauben“, so Sporschill: „Dann können sie sich einbringen und wir bekommen etwas.“

Die Glaubens- führt freilich zu einer noch viel brisanteren Frage: die nach dem Islam. Bisweilen gleichgesetzt mit Unterdrückung von Frauenrechten, Fundamentalismus, wenn nicht überhaupt Terrorismus. „Ich kann nicht beurteilen, wie groß diese Gefahr ist“, räumt der 69-Jährige ein: „Aber es gibt nur einen Weg, dieser Gefahr den Boden zu entziehen: Man muss sich austauschen.“

Der Jesuitenpater hat oft erfahren, wie wichtig das ist; er scheint das Problem aus jeder Perspektive und in jeder Ausformung zu kennen: Missbrauchsfälle seien etwa „immer“ auf isolierte Menschen zurückzuführen. Und daher passe er auf, wenn er auf einen Mitarbeiter stoße, der auffallend wenige Kontakte pflege. Oder: „Ich habe jahrelang in einem Haus mit Gewalttätern gelebt, in dem immer wieder Blut geflossen ist.“ Wobei sich ein Kollege eine bemerkenswerte Strategie zurechtgelegt habe; besonders aggressiven Bewohnern habe er gerne die Hand geschüttelt. Botschaft: „Schau, mit dieser Hand kannst du mich jetzt schwer schlagen.“ Das sei nicht nur erfrischend gewesen; es habe vor allem auch beruhigend gewirkt.

Aufeinander Zugehen also: Auf einer Reise hat Georg Sporschill einmal einen Türken kennen gelernt, der damals schon seit Jahrzehnten in Vorarlberg gelebt und gearbeitet hat. „Als ich gehört habe, wo er wohnt, habe ich ihn gefragt, ob er den dortigen Pfarrer, einen Freund von mir, kenne. Das hat er nicht. Im Laufe der Unterhaltung habe ich festgestellt, dass er überhaupt keinen Vorarlberger kennt. Wie es scheint, hat sich also nicht einmal in seiner Firma jemals ein Mitarbeiter näher mit ihm beschäftigt und sich nach seiner Familie oder seiner Religion erkundigt. Das ist schlimm. Und ich befürchte, dass das kein Einzelfall ist. Der Mann, von dem ich erzähle, war ein toller Bursche. Er war jedoch isoliert – und unter solchen Umständen können Dinge entstehen, die gefährlich sind.“

Rolle des Gastgebers

Das soll unterstreichen, wie wichtig der Austausch auch mit Flüchtlingen ist, zumal sie zu Tausenden gekommen sind. „Man muss sich für sie interessieren“, sagt Sporschill: „Ob wir sie eingeladen haben oder nicht, spielt keine Rolle: Sie sind unsere Gäste. Und wenn ich einen Gast habe, dann erkundige ich mich danach, wie es ihm geht und was bei ihm zu Hause los ist. Oder etwa nicht? Ich jedenfalls habe noch keinen Gastgeber erlebt, der mich mit einer Aufklärung über die Hausordnung begrüßt und mich dann alleine gelassen hat.“

Das ist einleuchtend. Und doch nicht so einfach, wie es sich anhört. „Ja, das, worum es geht, ist sehr, sehr anspruchsvoll“, gesteht Sporschill dem zu, der von Sozial-, geschweige denn Flüchtlingsarbeit wenig bis gar nichts weiß: „Es erfordert Kraft, Ausdauer, und, und, und. Aber billiger wird es nicht.“ Denn, wie gesagt: „Da ist ein Schatz, den wir heben müssen, damit er nicht zur Bombe wird.“