Die Straßenkinder sind spirituelle Meister

Katharina Spartalis

Pater Sporschill SJ im Interview in Rom:

“Jetzt ist es 40 Jahre her, dass ich Jesuit bin, und der Orden hat mir große, spannende Aufgaben gegeben, vor allem in Rumänien und mit der Roma-Bevölkerung. Wenn man Jesuit ist, darf man mit den Menschen leben, mit denen man arbeitet. Und deshalb kann ich sagen: meine Familie ist in den Dörfern Nou (Neudorf), Hosman (Holzmengen) und Tichindeal (Ziegental), wo es viele Roma-Familien gibt; das ist meine Familie.”

 

Interview mit dem Jesuitenpater Georg Sporschill über sein Apostolat bei den Roma

Von Luca Marcolivio

ROM, 12. März 2015 (ZENIT.org) – Die Armen, die Straßenkinder seien die stärksten spirituellen Lehrer, weil sie zeigen, dass alles ein Geschenk von Gott ist, sagt der Jesuitenpater Georg Sporschill. Seit rund zwanzig Jahren wirkt der Ordensmann österreichischer Herkunft in Rumänien unter der Roma-Bevölkerung, die er als seine Familie bezeichnet. Sein Apostolat fasst er in dem Buch „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“ (San Paolo, 2014) zusammen. Anlässlich der Präsentation des Buches, die am Dienstag in Rom stattfand, traf ZENIT Pater Georg Sporschill zu einem Gespräch.

Pater Georg, erzählen Sie uns doch die Geschichte Ihrer Berufung. Welche Pläne hatten Sie in Ihrer Jugend?

Pater Georg Sporschill: Ich komme aus einer großen Familie aus dem Vorarlberg. Ich habe acht Geschwister und dieser Umstand sollte sehr wichtig für mich werden, denn später in meiner Arbeit mit den Straßenkindern hatte ich auch große Familien zu betreuen. Also, ich habe alles zu Hause gelernt.

Damals war es eine normale katholische Atmosphäre, wie es sie in Italien heute noch gibt, in der ich aufgewachsen bin.

Aber ich bin durch viele Krisen gegangen, zum Beispiel 1968 in Paris, denn die Jugend und ich… na ja, wir waren revolutionär gestimmt.

Doch habe ich immer mit Menschen in Not, mit Problemen, zum Beispiel jungen Leuten im Gefängnis gearbeitet, und ich habe immer Freunde in Jugendgruppen gehabt. Die Jugendlichen und ihre Probleme haben mich gereizt und geführt, bis ich mit 30 dann in den Jesuitenorden eingetreten bin.

Berufen hat mich nicht die „Ecclesia triumphans“, sondern Jesus auf dem Kreuzweg.

Und jetzt ist es 40 Jahre her, dass ich Jesuit bin, und der Orden hat mir große, spannende Aufgaben gegeben, vor allem in Rumänien und mit der Roma-Bevölkerung.

Wenn man Jesuit ist, darf man mit den Menschen leben, mit denen man arbeitet. Und deshalb kann ich sagen: meine Familie ist in den Dörfern Nou (Neudorf), Hosman (Holzmengen) und  Tichindeal (Ziegental), wo es viele Roma-Familien gibt; das ist meine Familie.

Was war Ihr erster Eindruck von Rumänien, als Sie 1991 in das Land kamen? Welche Wirklichkeit haben Sie dort vorgefunden und wie war die Lage des christlichen Glaubens nach dem Fall des Kommunismus?

Pater Georg Sporschill: Als ich 1991 nach Rumänien kam, war die Not auf der Straße groß; es gab viele Straßenkinder, viele Menschen, die nicht genügend zu essen hatten, und keinen Strom; aber der Glaube war in Rumänien immer groß.

Auch die Straßenkinder beten gerne und sie lieben Gott, und sie fühlen sich in der christlichen Familie zu Hause, vielleicht auch deshalb, weil sie keine andere Familie haben.

Rumänien ist ein orthodoxes Land – 80 Prozent der Bevölkerung sind orthodox – und der Glaube ist trotz Kommunismus ganz tief in allen Herzen verwurzelt.

Doch heute gibt es andere wirtschaftliche Chancen, eine andere politische Freiheit, und die müssen die Rumänen jetzt nutzen, um auch wirtschaftlich und politisch in Europa anzukommen.

Dieser Kontakt zu den Armen, zu den Letzten der Gesellschaft: was lehrt er uns, was kann er uns geben?

Pater Georg Sporschill: Ja, ich sage immer: die Kinder der Straße und alle Armen, das sind die stärksten Lehrer, die stärksten spirituellen Lehrer. Sie zeigen uns, sie zeigen mir, dass alles ein Geschenk von Gott ist, sie machen uns dankbar.

Sie öffnen unsere Augen für das, was wir haben, und das ist meistens ein Geschenk.

Auch wenn wir arbeiten können und viel leisten dürfen, ist das ein großes Geschenk.

Das wichtigste ist die Dankbarkeit und das ist auch das Herz der Kirche, denn die Eucharistie ist nichts anderes als die Übung zu danken.

Und zweitens schenken uns die Armen dieses: Sie wollen unsere Hilfe; sie wollen, dass wir arbeiten; sie wollen, dass wir unsere Talente aktivieren, und das ist ein wunderbares Gefühl, wenn ich spüre: Ich bin stark, ich kann etwas bewegen, ich kann für andere etwas tun. Dieses Gefühl, dass ich weiß, warum ich auf der Welt bin. Und ich weiß wie gut es ist, dass Gott barmherzig ist. Wir alle leben von der Barmherzigkeit mehr als von unserer Leistung.

Mein Handbuch für die Sozialarbeit ist die Bibel. In der Bibel zeigt Gott uns immer einen neuen Schritt, auch wenn wir vor großen Problemen und Schwierigkeiten stehen. Niemand ist verloren, denn Gott hat immer noch eine Überraschung übrig, zuallererst für mich.

Sie sind ein Jesuit. Was bedeuten für Sie zwei so charismatische Mitbrüder wie Kardinal Carlo Maria Martini und Papst Franziskus?

Pater Georg Sporschill: Ich liebe diesen Papst und wir Jesuiten müssen danken, dass er unser Mitbruder ist; aber danken müssen wir eigentlich dem heiligen Ignatius, der uns diese Spiritualität geschenkt hat.

Was ist diese Spiritualität? Sie bedeutet, mit Gott verbunden zu sein und den Menschen zu helfen. Und wenn man diesen Papst anschaut, dann kann man sehen, wie tief er mit Gott verbunden ist. Deshalb ist er frei, zu sagen was er denkt und auf die Armen zuzugehen.

Ein Grundsatz unseres Ordens lautet: „Gott in allen Dingen finden“. Wir müssen nicht immer fromme Wörter machen; wir müssen gut arbeiten und die Menschen lieben, und das ist genug.

Ich lebe weit weg von meinen Mitbrüdern; dort wo ich bin, bin ich allein als Jesuit, und trotzdem weiß ich, dass die Jesuiten in aller Welt und die Jesuiten die schon bei Gott sind, mich tragen und mir ein Ansporn sind.

Wir Jesuiten haben kein Kloster, weil wir zu den Menschen gehen und ganz bei den Menschen sein sollen; unser Kloster muss in den Herzen sein, denn wenn wir im Herzen mit Gott verbunden sind, können wir überallhin gehen. Das ist natürlich ein gefährlicher Weg. Freiheit ist schön, man kann sie gut nutzen, man kann sie aber auch misbrauchen.

Welche persönliche Erinnerung haben Sie an Kardinal Martini, mit wem Sie das Buch “Jerusalemer Nachtgespräche” geschrieben haben?

Pater Georg Sporschill: Ich habe Kardinal Martini als einen Freund kennengelernt, als er schon emeritiert war. Das Schöne an ihm war, dass er ein ganz normaler Mensch und ganz bescheidener Mitbruder war. Als er den erzbischöflichen Palast in Mailand verließ, ging er in eine kleine Gemeinschaft junger Jesuiten nach Jerusalem.

Er hat mit den Jungen gelebt, und er hat mit der Bibel gelebt, in der Heimat Jesu. Und er war neugierig. Er hat jeden Tag die Bibel gefragt nach seinem Weg und er hat immer den Jungen zugehört.

Was unsere Freundschaft begründet hat, war, dass wir beide Jesuiten sind, aber er wollte immer von der Not der Armen wissen und was die Jugend denkt. Das wollte er von mir wissen.

Er hat wenig geurteilt; stattdessen hat er viel Ermutigung, viel Kraft gegeben durch seine Liebe, durch sein Verständnis. Er sagte oft: ich verstehe nicht, wie die jungen Leuten zusammen leben, aber ich bete für sie und ich bin optimistisch.

Der jetzige Papst ist wie eine Erfüllung der Wünsche Kardinal Martinis. Es ist also eine wunderbare Fügung. Ich glaube, die beiden Kardinäle – Kardinal Bergoglio und Kardinal Martini – haben sich nicht gut gekannt, und trotzdem waren sie einander so nahe, als Jesuiten und als Männer Gottes. Und beide lieben die Menschen. Beide lassen sich überraschen von Gott und sie schreiben dem lieben Gott keine Regeln vor, wie er sich verhalten sollte.

Lieber Pater Sporschill, wir danken für das Gespräch.