Tagebuch von P. Georg Sporschill SJ, Jänner 2021

Liebe Freunde,

im Schnee stapfen wir hinauf zum „Cartier Caroline“, unserer neuen Siedlung in Nou. Es sind sechs Häuser, in die vor Weihnachten Roma-Familien eingezogen sind. Fundamente für fünf weitere Häuser ragen aus dem Schnee. Schön schmiegen sich die grünen, blauen, gelben und roten Häuser an den Wegrand oberhalb des Dorfs. Die Familien sind hinaufgezogen - aus dem Elend in den Hütten unten am Bach. Hier haben sie es warm in festen Häusern, zum ersten Mal mit Wasser im Haus und einer Toilette. Es gibt Platz für die vielen Kinder. Die große Familie muss nicht mehr in einem Raum und auf zwei Matratzen schlafen. Vor den Häusern hängt bunte Wäsche, mit einer Schneehaube bedeckt. Ein Vater hackt gerade Holz, das er aus dem Wald gebracht hat.

Antoaneta, die allererste Mitarbeiterin im Verein ELIJAH, führt uns in das oberste Haus. Simona empfängt uns mit einem strahlenden Lachen. Vor einer Woche hat sie neue Zähne bekommen, vom Zahnarzt in der ELIJAH-Praxis. Ihre fünf Kinder sind jeden Tag im Sozialzentrum „Casa Martin“, sie lernen und musizieren. Und drei Neffen hat Simona ins Haus aufgenommen. Wo ist ihr Mann? „Der ist bei den Schafen“, sagt sie und winkt ab. Sie ist froh, dass er weit weg ist. Er macht nur Schwierigkeiten und bringt kein Geld für die Familie mit, denn das verwandelt sich unterwegs in Schnaps. Die Leiterin vor Ort lobt „ihre starken Frauen“, die sich allein um die Kinder kümmern. Bisher mussten sie sich ganz den Männern fügen. Wenn sie aufbegehrten, hieß es: „Dann schmeiß ich dich mit den Kindern aus meinem Haus hinaus!“ Wohin sollten sie gehen? Deshalb hat Antoaneta die Mietverträge mit den Müttern gemacht. „Ja, wenn er unerträglich wird, dann sage ich jetzt: Du gehst aus meinem Haus!“, bestätigt Simona und zwinkert mit dem Auge. Ich bewundere ihren Mut. Die Frauen haben ein hartes Leben, man sieht es an den müden Gesichtern und abgearbeiteten Händen.

Auf dem Weg hinunter ins Dorf kommt uns Dana entgegen, sie schleppt vom Brunnen zwei Eimer Wasser nach Hause. Jahrelang zog sie nach Deutschland zur Erdbeerernte und schickte das Geld zu ihrem Mann, damit er ein winterfestes Haus bauen konnte: ein Raum. Wir schauen in ihr kleines Haus, auf das sie stolz ist. Da sitzen Alt und Jung eng aneinandergedrückt um die Feuerstelle. Dana beherbergt auch ihren Vater, den sie „gefunden“ hat. Sie wuchs in einem Heim auf. Dana ist froh, dass ihr Mann seit langem nicht mehr kommt. Allein tut sie sich leichter mit den Kindern. Ihr Blick ist feurig, sie sprüht Energie aus. Als wir gehen, drückt sie mich fest. Die einzigen, die hier eine Maske tragen, sind wir. Distanz ist ein Fremdwort. Ich kann nur hoffen, dass die Schutzengel verlässlich sind – und wir bald geimpft werden.

Die starken Roma-Frauen öffnen mir die Augen für meine nächste Umgebung. In unserem Team sind die Besten, die Mutigen und Unermüdlichen – die Frauen. Antoaneta leitet die Sozialzentren, Mariuca backt für alle das Brot und startet eine Töpferwerkstatt. Emilia ist eine mutige Volontärin, die sich trotz Corona zu uns getraut hat. Lili organisiert die Hilfsgüter im Lager, Raluca verantwortet den Einkauf und die Verwaltung, Cornelia ist die treue Seele und jederzeit im Einsatz. Und in unserem Schülerwohnheim in Sibiu sind die Frauen in der Mehrheit, begabte Schülerinnen und Studentinnen. Ich bin glücklich, dass ich das soziale Werk ELIJAH in die Hände von Ruth legen durfte und mit den starken Frauen weiter mittun kann.

Liebe Freunde, ich wünsche euch den Blick für die Frauen in eurer Nähe. Dann überwiegen die erfreulichen Überraschungen die tägliche Überforderung.

Mit dankbaren Grüßen aus dem Corona-Exil, das sehen lehrt.

Euer Georg