Zwei Wege zum Lebensglück

Georg Sporschill SJ

Der Weg der Braven oder der Schwierigen, der Kindlichen oder der Kritischen. Welchen Weg zum Lebensglück darfst du gehen?

Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Joh 20,29

„Kerzerlschlucker, schauts liaber, dass eire Oarschlecher ned bei de Nochbarn die Hittn zerlegen!“ Mit diesen rauen Worten erwartete mich der Polizeiinspektor nach der Messe vor der Hauskapelle. Das war vor dreißig Jahren im Jugendhaus der Caritas in Wien. Am Kragen hielt er den betrunkenen Horstl, der kaum noch stehen konnte. Horstl hatte im Gasthaus „Gösser“ um die Ecke eine Schlägerei begonnen. Der Wirt hatte die Polizei geholt, doch außer Inspektor Matthias wagte keiner sich zu den gewalttätigen Burschen. In unser Haus kamen die Polizisten grundsätzlich nur zu zweit, Matthias wurde unser Kontaktbeamter. Der „Kieberer“ war für unsere Schützlinge eine Autorität, er kannte die richtige Sprache für sie, und er setzte sich für sie ein. Auch wir Mitarbeiter hatten Respekt vor ihm. Oft musste er das Gästebuch kontrollieren, ob nicht ein gesuchter Verbrecher bei uns untergetaucht war. Manchmal blieb er bei uns auf einen Kaffee. Nie brachte ich ihn in die Kirche, obwohl ich ihn oft eingeladen hatte. Einmal schaffte ich es, dass er während der Messe blieb. Wir ließen die Kapellentüre offen, und er stellte sich ganz ans Ende des Ganges und rauchte. Dann wurden wir versetzt, Matthias in ein anderes Kommissariat und ich nach Rumänien. Wir verloren uns aus den Augen.

Eines Tages rief er mich an, viele Jahre später. Er habe eine Bitte. Ob ich nicht in seiner Gemeinde bei einer Wallfahrt predigen könne. Ich traute meinen Ohren nicht. „Matthias, was für eine Gemeinde?“ Ich musste zweimal nachfragen. Da war wieder sein strenger Polizeiton: Red nicht lang herum, komm! Er beschrieb mir, wie ich zur Kirche ins südliche Burgenland gelange. Ich gehorchte. Nicht viele Wallfahrer kamen, treue Kirchgänger zogen mit einer Marienfahne ein. In der ersten Reihe nahm Matthias Platz, und neben ihm – ich kannte das Gesicht – ja, es war Horstl! Beide saßen da und weinten wie Schlosshunde. Ich musste bei der Predigt wegschauen, sonst wäre auch ich in Tränen ausgebrochen. Matthias hat mit den Schwierigsten, die aus dem Gefängnis gekommen waren, über all die Jahre Kontakt gehalten. Er begleitet Horstl und einige der „Oarschlecher“ in Freundschaft, hilft ihnen bei der Arbeitssuche und nimmt sie in sein Haus mit. Er hat es geschafft, dass Horstl nicht mehr trinkt. In der Gemeinde, wo Matthias jetzt lebt, unterstützt er den Monsignore, er ist der gute Geist für alles und der Mesner, der die Kerzen anzündet, die angeblich andere schlucken.

Zwei Wege des Glaubens sind in dieser Geschichte beschrieben. Der eine führt über Schwierigkeiten zum Glauben. Matthias musste sich den Weg erkämpfen, bis er sehen konnte. Den anderen Weg gehen die Wallfahrer und der Monsignore, die sich wundern über die „ungläubige Jugend, die nicht in die Kirche geht“. Sie machen sich Sorgen und beten für sie. Für sie gilt: Selig sind sie, die nicht sehen und glauben!

Der Weg der Braven oder der Schwierigen, der Kindlichen oder der Kritischen. Welchen Weg zum Lebensglück darfst du gehen?