Zwei sind besser als einer allein

Ruth Zenkert

Wer ist mein Gefährte, meine Gefährtin? Wer hilft mir auf, wenn ich falle? Wer löst meine Ängste?

Dann sprach Gott, der HERR: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist.
Gen 2,18

Feuerwehrprobe in der Wohngemeinschaft für behinderte Menschen. Es herrschte große Aufregung. Die Haussirene heulte schrill. Alle liefen zur Tür und mussten sechs Sprossen auf einer Leiter hinuntersteigen. Der große Tobias war der Letzte. Zitternd stand er vor der kleinen Leiter und rührte sich nicht vom Fleck. Die Feuerwehrmänner ganz in Rot und die vielen Anweisungen hatten ihn verunsichert. Es schüttelte ihn, die Augen waren weit aufgerissen, er wollte schreien, brachte aber keinen Laut heraus. Die Erzieher ermutigten ihn: „Komm herunter, das ist nicht schwer. Wenn es einmal brennt, musst du schnell hinaus!“ Sie riefen, sie befahlen. Tobias wollte zurück ins Haus. Da kletterte Carolin wieder hinauf, fasste ihn an der Hand und sagte: „Tobi, ich führe dich. Komm, wir wollen doch nachher wieder miteinander malen.“ Tobias wurde ruhiger und stieg die Sprossen hinunter, hinter ihm Carolin. Als die Aktion vorbei war, saßen die beiden an seinem Tisch und malten. Und Tobias schenkte Carolin zum Dank einen roten Malstift.

Carolins Mutter ist vor kurzem gestorben. Der Abschied von einer Mama, die sie unendlich geliebt hatte, war schwer. Carolin trug es tapfer, aber manchmal überkam es sie, und sie schluchzte in ihrer Trauer. Dann setzte sich Tobias neben sie, strich ihr zärtlich über den Kopf, hielt sie im Arm. „Carolin, wir sind Freunde. Ich bin immer für dich da.“ So saßen sie, und Carolin war wieder stark. Dann schaute sie ihn an: „Tobi, auch deine Mutter wird einmal sterben.“ Und nun begann Tobias zu weinen, und Carolin umarmte und tröstete ihn. Meine Schwester Carolin, die Trisomie 21 hat, und ihr Mitbewohner Tobias, sie sind ein Geschenk Gottes füreinander.

Allein hätte es Tobias nicht geschafft, die Leiter hinunterzuklettern; Angst blockierte ihn. Die Hand der Gefährtin löste seine Verkrampfung auf. Allein hätte Carolin den Schmerz im Abschied von der Mama schwer ertragen. Die zwei behinderten Menschen helfen einander in den schwierigsten Situationen. Und Carolin war es, die unserem 94-jährigen Vater die Hand auf die Schulter legte und ihn tröstete. Als uns das Alleinsein quälte, wurde sie für die ganze Familie zu einer großen Stütze, genauso wie für Tobias.

So erlebte ich die Hilfe, die Gott den Menschen in der Gefährtenschaft schenkt. Siebenfach bewertet Gott die Werke seiner Schöpfung als gut. Jetzt aber nimmt Gott wahr, dass etwas in seiner Schöpfung nicht gut ist. Er bemerkt, dass das Defizit im Alleinsein des Menschen liegt und korrigiert es. So erklärt Georg Fischer in dem eben erschienenen Genesis-Kommentar den Vers „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist.“ Das Buch Kohelet führt das göttliche Entgegenkommen praktisch aus: „Zwei sind besser als einer allein … denn wenn sie hinfallen, richtet einer den anderen auf.“ (Koh 4,9)

Wer ist mein Gefährte, meine Gefährtin? Wer hilft mir auf, wenn ich falle? Wer löst meine Ängste?