Zwei Geschwindigkeiten

Georg Sporschill SJ

Langsame und Schwächere – wer von ihnen hat mich den richtigen Blick gelehrt? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich glücklich bin?

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.

Joh 20,8

Tim lag im Bett und schnarchte laut. Es war schon zehn Uhr vormittags, längst hätte er im Sozialzentrum sein müssen. Sein Zimmerkollege Andreas war bereits joggen gewesen, hatte das Morgengebet vorbereitet und besprach gerade mit seinen Schülern die Musikstücke, die sie miteinander lernten. Zwei Volontäre, zur gleichen Zeit bei uns angekommen: Tim verstand kaum ein rumänisches Wort, Andreas unterhielt sich fließend mit den Kindern. Ein hochbegabter Bursche, der die anderen überflügelte. Ich bat Andreas, Tim zu wecken. Tim stöhnte, schloss die Augen wieder und drehte sich zur Wand. Andreas schimpfte, den Faulpelz solle man nachhause schicken. Und er wollte ein anderes Zimmer haben. Ein Zimmerkollege, der nur die Tage zähle, bis er wieder wegkomme, der störe ihn. Zielstrebig ging er in seine Musikstunde und ließ Tim weiterschlafen.

Am Abend war Tim mit Jugendlichen aus dem Dorf unterwegs. Sie saßen vor der Bar, tranken Bier und hatten es lustig miteinander. Empört berichtete Andreas davon. Ich fragte, mit wem Tim zusammen sei. Andreas kannte die Burschen nicht. Er kannte nur seine Musikschüler, mit den anderen im Dorf hatte er nichts zu tun. Ich schlug vor, in die Bar zu gehen und auch ein Bier zu trinken, mit Tim und seinen Freunden. Schon von der Brücke aus hörte ich, dass es dort hoch herging. Tim versuchte den Burschen gerade einen Rap in englischer Sprache beizubringen. Er sang, die anderen klopften auf den Tischen den Takt. Andreas trank nur Mineralwasser, verächtlich sah er auf Tim, der bei uns nicht mitmachte, aber hier den großen Star spielte. Aber ich meinte: „Vielleicht schaffen wir es, über Tim an die Dorfjugend heranzukommen, wo die meisten arbeitslos sind und den ganzen Tag herumhängen. Andreas, kämpfe um Tim, vielleicht findest du dann auch einen Freund im Dorf.“

Zwei Geschwindigkeiten. Während der Musterschüler schon unterwegs ist, liegt der Faulpelz noch im Bett. Am Abend aber überrundet der zweite den ersten. Tim hat in die Herzen der schwierigsten Jugendlichen gefunden. Der Wettlauf zwischen beiden würde zum großen Erfolg, wenn der Schnellere den Langsameren und der Langsamere den Schnelleren zu schätzen wüsste. Wie im Evangelium, wo es heißt: „Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.“ Johannes, der Eifrige, der Verliebte, der Begeisterte, war zuerst am Grab. Dann erst kam Petrus nach, der Bedächtige und Verlässliche. Er schaute genau hin und nahm wahr, was ist. Dem Langsameren hat es der Schnellere zu verdanken, dass auch er sah und zum Glauben kam. Der Zweite hat den Ersten zum Ziel geführt. Er hat ihm die Augen geöffnet. Es könnte sein, dass der Faulpelz dem Musterknaben Zugang verschafft zu den fremden Herzen der Roma-Jugend, der er helfen möchte. Andreas wird seinen ehrgeizigen Weg nur durchhalten, wenn er einen Freund findet.

Langsame und Schwächere – wer von ihnen hat mich den richtigen Blick gelehrt? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich glücklich bin?