Zuerst die Nähe, dann die Aufgabe

Georg Sporschill SJ

Von wem kannst du etwas verlangen, weil du ihm oder ihr Vater oder Mutter bist?

Wer ist dein geistiges Kind? Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
Joh 21,5

Barbara war eine der Ersten, die sich auf meinen Hilferuf hin meldeten: Ich suchte in der Pfarre Jugendliche, die mich bei Besuchsdiensten im Altersheim unterstützen sollten. Ein Mädchen hatte mich gebeten, dort ihre Großmutter zu besuchen. Da fragte mich die Zimmerkollegin der alten Dame, ob ich nicht auch zu ihr kommen könnte, sie habe keine Angehörigen. Das nächste Mal überraschte mich eine Pflegerin mit der Bitte, noch im nächsten Zimmer vorbeizuschauen. So wuchsen mir immer mehr pflegebedürftige Menschen ans Herz. Allein aber schaffte ich es nicht mehr. So hatte ich meine Jugendlichen gefragt, wer eine Partnerschaft im Altersheim übernehmen könne. Gerade freute ich mich über die Zusage von Barbara, da rief mich ihre Mutter an. Barbara dürfe nicht noch mehr Zeit in der Pfarrjugend verbringen. Sie solle mehr lernen, um das Schuljahr nicht wiederholen zu müssen.
Am Nachmittag kam Barbara zu mir, wütend und enttäuscht. Ich machte ihr einen Vorschlag: Komm nach der Schule zu mir, wir lernen miteinander Französisch. Eine Freundschaft entstand zwischen uns, eine Freundschaft zwischen dem katholischen Kaplan und einer evangelischen Familie. Barbara wurde eine gute Schülerin und eine meiner besten Jugendleiterinnen. Wie kaum ein anderer Mensch wurde sie für mich zu einer Brücke, über die ich in die Herzen vieler junger Menschen gelangte.

Bemerkenswert ist, wie Jesus seine Schüler anspricht: “Meine Kindlein!” Die vertrauliche Anrede der jungen Männer, die er für seine Schule ausgewählt hat, beschreibt die Atmosphäre. Jesus ist nicht nur der intellektuelle Lehrer, sondern gleichsam ein Vater für seine Schüler. Sie sollen von ihm seine Lebensweise übernehmen. Sie dürfen ihn drei Jahre lang Tag und Nacht begleiten, bei ihm wohnen. So werden sie zu geistigen Kindern, die das Werk des Messias weiterführen. Außer dieser zärtlichen Nähe fällt auf, dass der Auferstandene von seinen Schülern als Erstes etwas verlangt: “Habt ihr keinen Fisch zu essen?” Dieser Anspruch überfordert sie zunächst. Sie waren professionelle Fischer und hatten trotz aller Kunst die ganze Nacht nichts gefangen. Jesus aber gibt ihnen die Kraft, den momentanen Misserfolg zu überwinden, indem er sie in der Anrede umarmt, sie seine Freundschaft spüren lässt. Daraufhin folgt der Anspruch an sie. Sie werden jetzt und in Zukunft die Speise, die geistige wie die materielle, beschaffen müssen. Das können sie, weil sie in der Verbindung mit ihrem Lehrer geborgen sind und von seiner Erwartung herausgefordert werden.

In der Geschichte mit Barbara lernte ich von Jesus, dass es zuerst um Freundschaft geht; erst dann kann ein Anspruch erhoben werden. Erst nachdem ich absichtslos wahrgenommen hatte, wo sie in Not war, und mich ihr zuwandte, wurde sie fähig zu großer Leistung. Zunächst in ihren schulischen Verpflichtungen, dann aber auch in der Jugendarbeit.

Welcher Lehrer interessiert sich für dich so, als ob du sein Sohn oder seine Tochter wärst? Von wem kannst du etwas verlangen, weil du ihm oder ihr Vater oder Mutter bist? Wer ist dein geistiges Kind?