Zu viel des Guten

Ruth Zenkert

Wer führt dir dein eigenes Ziel vor Augen? Welcher scheinbar Unerträgliche vertritt und lebt deine Ideale – auf neue und verrückte Weise?

Sie aber schrien: Weg mit ihm, kreuzige ihn! Pilatus aber sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser.
Joh 19,15

„Wenn noch einmal einer bei den Dörflern Schulden macht, muss er gehen“, hatte ich unsere Volontäre gewarnt. Ich konnte mich kaum noch auf die Straße wagen, weil unsere Leute überall Geld ausliehen. Die Nachbarn redeten mich darauf an und wurden ungeduldig. Um unseren Ruf zu retten, hatte ich es oft zurückbezahlt und musste es dann mühsam wieder eintreiben. Doch meine Drohung schien nichts bewirkt zu haben, schon wieder hatte Niculae im Lebensmittelgeschäft Geld geborgt, und zwar eine ungewöhnlich hohe Summe. Ich wollte ihn zur Rede stellen, aber er war verschwunden; zwei Nächte war er nicht mehr nach Hause gekommen, hieß es. War er aus schlechtem Gewissen gegangen? So konnte man doch nicht mit der Gemeinschaft umgehen!
Am nächsten Mittag läuteten die Glocken der orthodoxen Kirche. Fast hätte ich das Begräbnis der Nachbarin vergessen! Es war die Großmutter einer schwierigen Familie, deren Kinder bei uns ein und aus gingen. Ich lief schnell in den Hof der Nachbarn, wo die Tote aufgebahrt war, der Pfarrer hatte schon mit den Gebeten begonnen. In der Eile hatte ich mich nicht schwarz angezogen, ja, wir hatten nicht einmal ein Bukett besorgt, was bei einer Beerdigung in Rumänien ein Muss ist. Hoffentlich bemerken die Angehörigen es nicht, dachte ich beklommen. Dann zogen wir mit dem Sarg zum Friedhof hinauf. Ganz vorne mit der Familie – ging Niculae, in elegantem, etwas zu großem schwarzem Anzug, spitzen Lackschuhen, ein großes Blumengesteck mit sich tragend. Auf der Schleife konnte ich lesen: „Tanti Stella, wir werden dich nie vergessen. ELIJAH und Niculae.“ Als ich der weinenden Tochter am Grab mein Beileid wünschte, sagte sie: „Niculae hat mit mir die letzten Nächte die Totenwache gehalten. Ohne ihn hätte ich es nicht überstanden.“

Niculae ist ein schwieriger Mensch. Mit Geld kann er überhaupt nicht umgehen. Wenn er nicht gerade Schulden macht, dann stiehlt er. Und verteilt mit beiden Händen wie Robin Hood. Aber hatte er dieses Mal nicht mehr als wir unsere Gemeinschaft zum Leuchten gebracht? Er war es gewesen, der die Trauernden tröstete.
Als die Hohenpriester schreien: „Weg mit ihm, kreuzige ihn!“, lässt Pilatus sie provokant wissen, dass sie gegen ihren eigenen König vorgehen. Jesus hat auf seine gottgewollte Weise das Ideal des Judentums erfüllt, Licht für die Welt zu sein, dem Frieden zu dienen, die Werke der Barmherzigkeit zu tun – an allen Menschen. Die Fremden sind den Juden von Gott per Gesetz ans Herz gelegt. An ihnen sind die Werke der Barmherzigkeit zu tun: Trauernde zu trösten, Hungernde zu speisen, Nackte zu bekleiden. Jesus hat auf eine Weise, die seine jüdischen Mitbürger provoziert, die Fremdenliebe, die das Herz der Torah ist, umgesetzt. Bis er selbst in der Kreuzigung den Fremden ausgeliefert, der heidnischen Welt übergeben wird, als Heil, als Lebensweg.
Unser Niculae ließ alle Warnungen, alle Regeln der Gemeinschaft hinter sich und riskierte Konflikte, um das Entscheidende zu tun.