Zeugen – leben – sterben

Josef Steiner

Geistige und leibliche Kinder sind ein Geschenk. Sie geben dem Leben Tiefe.

Nachdem Adam Set gezeugt hatte, lebte er noch achthundert Jahre und er zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Adams betrug neunhundertdreißig Jahre, dann starb er.
Gen 5,4-5

Martin Buber hat in seinen Chassidischen Erzählungen eine starke Szene mit dem Rabbi Israel von Kosnitz, dem Begründer der Kosnitzer Rabbinen-Dynastie, festgehalten. Weil ihm der Ruf eines Heilers vorauseilte und die außergewöhnliche Kraft seines Gebets bekannt war, kam eines Tages ein aus armen Verhältnissen stammendes, kinderloses Ehepaar zu ihm und flehte ihn an, für sie ein Kind zu erbitten. Der Rabbi verlangte dafür zweiundfünfzig Gulden, weil das – so seine Begründung – der Zahlenwert des hebräischen Wortes für Sohn, „ben“, sei. Das bittende Paar bot seine hart ersparten zehn Gulden an. Aber der Rabbi weigerte sich, sie anzunehmen. „Da ging der Mann“, so fährt Martin Buber fort, „auf den Markt und schleppte einen Sack voll Kupfergeld herbei, das breitete er auf der Tischplatte aus – zwanzig Gulden. ,Seht nur, wieviel Geld!‘, rief er. Aber der Rabbi ließ nicht von seiner Forderung ab. Da geriet der Mann in Zorn, raffte das Geld wieder zusammen und sprach zu seinem Weibe: ,Weib, gehen wir, Gott wird uns auch ohne den Rabbi helfen!` ,Schon habt ihr die Hilfe erwirkt`, sagte der Rabbi, und so war es.“ Kinder sind ein Geschenk, man kann sie nicht kaufen.

Etwas verschlüsselt gibt die Bibel das Zeugungsalter Adams an. Er ist hundertdreißig Jahre alt, als er jenes Kind zeugt, mit dem die Familiensaga der Menschheit, ihre Geschlechterkette beginnt. Diese Form der Information, nicht das Geburtsjahr, sondern das Jahr einer besonderen Zeugung herauszustellen, behält die Bibel bei allen großen Gestalten der Heilsgeschichte bei. Noach ist fünfhundert Jahre alt, als er mit seiner Frau jene Kinder zeugt, mit denen sie die existenzbedrohende Flut überleben. Abraham ist hundert Jahre alt, als ihm und Sarah ein Kind der Verheißung geschenkt wird, das wieder Lachen und Freude in ihre Zelte bringt. Isaak ist sechzig, als seine geliebte Rebekka Zwillinge gebiert, die ihr Leben durcheinanderwirbeln. Jakob ist vierundachtzig, als mit Lea und Rachel die wechselvolle Geschichte der zwölf Stämme Israels ihren Anfang nimmt. Aber nicht nur das Jahr der Zeugung leiblicher Kinder hält die Bibel fest, auch die Berufung und Gründung von geistigen Welten und Gemeinschaften. Dabei stellt die Bibel das Jahr dreißig besonders heraus. Josef ist dreißig Jahre alt, als er in Ägypten für das Überleben seiner Großfamilie und des ägyptischen Volkes sorgt. David ist dreißig, als er die Verantwortung für Leitung und Führung seines Volkes übernimmt. Jesus ist ungefähr dreißig Jahre alt, als er bei seinem Eintauchen in den Jordan durch das Psalmwort „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt“ seine Berufung erfasst und sie durch die Gründung einer neuen Lebens- und Lerngemeinschaft in die Tat umsetzt. Das Leben bekommt im Fruchtbarsein für die Menschen, in der Fortpflanzung von Geist und Lebensmut eine Tiefe, die das Abschiednehmen und Sterben erleichtern. Die Bibel zeigt diese dem Menschen eingestiftete Dynamik bildhaft am ersten Adam.