Wortschatz

Josef Steiner

Was lese ich? Aus welchen Schriften schöpfe ich Kraft, Klärung, Perspektiven?

Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.
Joh 19,36

Die spirituelle jüdische Bewegung der Chassidim war nicht unumstritten. Sie brachte Konflikte, Streit und Entfremdung in manche Familien, besonders in jene, deren Denken und Handeln von den Idealen der Aufklärung, von Vernunft, Logik und Pragmatik bestimmt waren. Ihnen erschien diese Form der Frömmigkeit zu schwärmerisch, zu gefühlsbetont, irrational und zu sehr auf einen Meister ausgerichtet, einem „Guru“ ausgeliefert. Martin Buber hat in seinen chassidischen Erzählungen eine für diese Problematik bezeichnende Szene festgehalten. Als Levi Jizchak von seiner ersten Fahrt zu Rabbi Schmelke von Nikolsburg, die er gegen den Willen seines Schwiegervaters unternommen hatte, zu diesem heimkehrte, herrschte der Alte ihn an: „Nun, was hast du schon bei ihm erlernt?!“ „Ich habe erlernt“, antwortete Levi Jizchak, „dass es einen Schöpfer der Welt gibt.“ Der Schwiegervater rief einen Diener herbei und fragte den: „Ist es dir bekannt, dass es einen Schöpfer der Welt gibt?“ „Ja“, sagte der Diener. „Freilich“, rief Levi Jizchak, „alle sagen es, aber erlernen sie es auch?“

Von klein auf war für Jesus ein Fest das schönste und aufregendste – das Pessachfest. Das Haus gereinigt, der Raum für das Essen geschmückt und mit Polstern ausgelegt, Weinbecher für jeden Erwachsenen, ein besonderes Brot, ungesäuert, spannende Erzählungen, Lieder und Zeugnisse von Befreiung aus Not und Bedrängnis. Aber das am meisten ins Auge Springende war in der Mitte ein für das Festessen zubereitetes Lamm. Es sollte einjährig sein, fehlerlos, ohne körperliche Schäden, Missbildungen und Krankheiten, und man durfte an ihm keinen Knochen zerbrechen. Ein Lamm gibt sein Leben, damit eine Großfamilie mit Freunden, Bekannten und Nachbarn ein Fest feiern, den Lebenshunger stillen, gemeinsam beten, singen und sich freuen kann. Das Lamm beim Pessachfest stirbt, damit andere leben.

Die von Jesus aus Nazaret gegründete Lebens- und Lerngemeinschaft stand nach dessen kurzem Prozess vor der römischen Gerichtsbarkeit und dessen Sterben vor der Frage, wie dieses Geschehen zu deuten sei. Zu Hilfe bei der Suche nach einer Antwort kamen ihr der Zeitpunkt und die Art des Sterbens, die Jesus bewusst für seinen Weg zu den Völkern gewählt hatte. Als nämlich nach Jesu Tod am Kreuz keines seiner Beine zerschmettert wurde, öffnete die biblische Anweisung, dem Pessachlamm keine Knochen zu brechen, eine Spur zum Verständnis von Jesu Weg. Er gibt sein Leben, er gibt sich selbst, ganz und ungebrochen, über das Kreuz in die Welt der Völker. Wie beim Pessachlamm wird seine Hingabe zur Lebensquelle für andere. Jesus wird zum „Lamm Gottes“, das die Gottferne der Völker hinwegnimmt und sie von allen Belästigungen und Lasten – die Bibel nennt das Sünde – befreit. Ein Wort der Schrift wird so in ganz neuer Weise zur Geltung gebracht, gefüllt mit neuem Inhalt.

Was lese ich? Aus welchen Schriften schöpfe ich Kraft, Klärung, Perspektiven?