Wohin mit Ungewissheit, Fragen und Ängsten?

Josef Steiner

Freundschaften als Herberge, Ruheplatz und Raum des Erzählens.  Welche sind mir geschenkt?

Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen.
Joh 20,2

Der große Rabbi Pinchas von Korez, so berichtet Martin Buber in seinen Chassidischen Erzählungen, verglich seine Sicht der Welt einmal mit der Pupille. Weil die Pupille dunkel sei, nehme sie alles Licht in sich auf. So habe er die Fähigkeit bekommen, in allen Schwierigkeiten und Verdunkelungen des Lebens einen erhellenden Funken zu entdecken. Dazu zwei Geschichten. Einen seiner Schüler quälte der Zweifel, wie es möglich sei, dass Gott all seine Gedanken, auch die flüchtigsten und die unbestimmbarsten, kenne. In großer Qual fuhr er zu seinem Lehrer, um ihn zu bitten, er möge die Verwirrung seines Herzens lösen. Rabbi Pinchas stand am Fenster und blickte dem Kommenden entgegen. Als er eingetreten war und nach der Begrüßung sogleich seine Klage anheben wollte, sprach der Rabbi: „Ich weiß es, Freund, und wie sollte es Gott nicht wissen?“ Eine ähnliche Begebenheit erzählte Rabbi Pinchas‘ Lieblingsschüler, Rabbi Rafael von Berschad. „Am ersten Tag des Chanukkafestes – dem großen Lichtfest zur Erinnerung an die Wiedereinweihung des Tempels – klagte ich meinem Lehrer, dass es einem, wenn es ihm schlechtgeht, schwerfällt, den Glauben an die göttliche Vorsehung für jeden Einzelnen unversehrt zu bewahren Es erscheine einem ja wahrhaftig, als verberge Gott sein Angesicht vor ihm. Was sollte man tun, um im Glauben zu erstarken? ,Weiß man‘, antwortete der Rabbi, ,dass es ein Verbergen ist, dann ist es ja kein Verbergen mehr.‘“ Die Freundschaft zwischen Lehrer und Schüler als Ort der Klärung.

Maria aus Magdala hat Glück gehabt. Sieben Dämonen – und das heißt in der Bibel die Höchstzahl an körperlichen und seelischen Belastungen und Defiziten  – fesselten und plagten sie,  schnitten sie von einem erfrischenden Strom gesunden und schönen Lebens ab und machten aus ihr eine einsame, unsympathisch wirkende, beziehungsunfähige, verwahrloste Frau. Sie ist biographisch belastet, krank, aber keine Sünderin. In einem langen therapeutischen Prozess gelingt es Jesus, den Dämonen die Person und den Raum für ihr destruktives Wirken zu nehmen. Er macht Maria aus Magdala groß, gibt ihr Selbstvertrauen, bindet sie ein in die innerste Freundesgruppe seiner Gemeinschaft, verwandelt sie in eine liebenswürdige, selbstbewusste und attraktive Frau. Sie wird zu seiner wichtigsten Mitarbeiterin in seinem Werk. Geduldige Nähe, großes Vertrauen, die Kraft der Freundschaft haben dieses Wunder der Liebe bewirkt.  So ist Maria aus Magdala auch die Erste, die den Weg zum Grab ihres Geliebten wagt. Umso größer der Schock, das Erschrecken, die Ratlosigkeit: Das Grab ist leer. Sie läuft mit dieser aufwühlenden Entdeckung zu jenen beiden Menschen, die so wie sie Jesus besonders nahe standen, zu Petrus, der Führungsgestalt, und zu Johannes, Jesu Lieblingsschüler. Der innerste Kreis der Freunde wird für Maria aus Magdala zur Herberge, zum Ruheplatz, zum Raum des Erzählens. Welche sind mir geschenkt?