Woher wir kommen

Ruth Zenkert

Es gilt, das Leuchten in einem Gesicht zu suchen. Welches Ziel bringt mich zum Strahlen?

Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.
Joh 17,5

Auf dem Weg über den Hügel kommen wir an ein paar Schafherden vorbei. Die erste wird von Ghiza bewacht. Der Hirte wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Holzverschlag neben dem Schafstall. Besuchen kann man ihn dort nicht, weil die siebzehn Hunde zähnefletschend ihre Aufgabe sehr ernst nehmen, nämlich die Schafe vor Bären und anderen Eindringlingen zu schützen. Wenn Ghiza mit der Herde über die Weide zieht, gehen einige Hunde mit. Die kann er zurückpfeifen, wenn wir kommen. Mitten unter seinen Tieren steht er den ganzen Tag, gestützt auf seinen langen Stock, und schaut, vereint mit der Natur. Das Leben unter der prallen Sonne, bei Wind und Regen hat sein Gesicht gezeichnet. Tiefe Furchen, graue Bartstoppeln, vom Tabak gelb gefärbter Schnurrbart, langhaarige Koteletten; unter den wuchtigen schwarzen Brauen leuchten zwei fuchsige, lebendige Augen. Seine groben Hände erzählen von der schweren Arbeit mit den Tieren. Die speckige Felljacke ist schon wie angewachsen auf Ghizas Haut. Wenn er uns sieht, ruft er schon von weitem und kommt uns entgegen. Er freut sich, wenn er mit jemandem reden kann. Ghiza ist fröhlich, ausgeglichen, lacht verschmitzt. Wir fragen, ob er etwas braucht. Am nächsten Tag kommt er zu uns ins Dorf. Er hat seinen Esel mitgebracht. An die großen Ohren hat er rote Wollfäden gebunden, sie schrecken die bösen Geister ab. Bunt bestickte Satteltaschen bedecken den Rücken. An einer Schnur hängt ein Fünfliterkanister mit selbstgemachtem Rotwein. Sicher ein saurer Tropfen. Der Esel wird vor dem Haus geparkt, Ghiza kommt herein. Viele Kinder sitzen bei uns, sie wollen von Onkel Ghiza ein Lied hören. Aus voller Kehle singt er, die Kinder stimmen ein. Wo ist Monalisa, fragen sie. Seine Tochter ist schon lange nicht ins Dorf gekommen, sie geht auch nicht mehr in die Schule. Sie hat Masern, sagt er. Er nimmt das schüchterne Mädchen oft mit auf die Weide, im Dorf sind ihr zu viele Menschen. Wir geben ihm Brot, Mehl und Konservendosen mit, alles wird auf den Esel gepackt. Am Brunnen füllt Ghiza noch den Wasserkanister. Dann geht er wieder hinaus zu den Schafen. Ich frage, ob er nicht lieber im Dorf leben wolle. Monalisa solle zu uns kommen, lesen und schreiben lernen. Seine Frau könne ins Bad und Wäsche waschen. Nein, nein, es ist alles in Ordnung, so wie es ist. Ghiza geht wieder zu seiner Herde, zu seiner Familie, auf die Weide. Sein Lied ist noch zu hören, als er längst nicht mehr zu sehen ist.

Ghiza ist glücklich, so wie er ist. Das strahlt er auch aus. Er lebt, wozu er bestimmt ist. Auch wenn es vieles gibt, was aus meiner Sicht einfacher und bequemer, besser für ihn und seine Familie wäre – er braucht es nicht. Sein Leben ist gültig und stark. Gott hat ihn so geschaffen. Sein Glück und Strahlen ist jenseitig, mit weltlichen Maßstäben nicht erfassbar.
„Bevor die Welt war“: Im biblischen Weltbild gibt es den Äon vor und nach dieser Welt. Die Bibel interessiert sich für die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen. Diese Fragen bestimmen, wer ich bin.
Es gilt, dieses Leuchten in einem Gesicht zu suchen. Welches Ziel bringt mich zum Strahlen?