Wo wird das neue Leben sichtbar?

Ruth Zenkert

Ostern zeigt uns das Ziel. Genießen wir die Stunden im Licht des Frühlings und den Blick auf das Erreichte, geschenkt und erarbeitet.

Jesus erhob seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.
Joh 17,1

Ana-Maria brauchte dringend Geld. Ihr Mann hatte sie kurz nach der Hochzeit mit dem Baby sitzen gelassen, sie war erst siebzehn. Nun wollte sie eine Arbeitsstelle im Sozialzentrum. „Was hast du gelernt?“ – „Nichts.“ Sie hatte keine Ahnung von Saubermachen, Wäschewaschen, Kochen. Sie wohnte bei ihrer Mutter, zusammen mit den jüngeren Schwestern. Ich ging mit ihr nach Hause, um mit ihrer Mutter zu sprechen, ob sie einverstanden sei, dass Ana-Maria zu uns käme und zunächst einmal die wichtigsten Haushaltsarbeiten lerne. In der Hütte brannte eine einzige Kerze. Aus dem Dunkel kam uns die Schwester mit dem Baby auf dem Arm entgegen. „Das ist meine Sonja!“ strahlte Ana-Maria und gab ihr einen Kuss.

Am nächsten Tag begann sie bei uns. Sie lernte, die Waschmaschine zu bedienen – nach einer Woche war die ganze Bettwäsche rot verfärbt. Mit dem Besen wirbelte sie nur Staub auf. Am liebsten sprühte sie Fensterspray auf die sauberen Scheiben, das roch gut. Die Arbeit ließ sie gerne liegen, lieber spielte sie mit den Kindern. Lange stellte sich die Frage, ob sie jemals in die Arbeitswelt finden würde. Nach einigen Monaten kam Ana-Maria zu mir: „Ich werde ab morgen nicht mehr kommen. Ich habe eine Arbeit in der Stadt gefunden.“ Zuerst ärgerte ich mich. So viel Zeit und Mühen hatten wir in sie gesteckt. Und jetzt ging sie einfach weg, und alles war umsonst gewesen.

Doch dann begriff ich. Sie hatte meine Erwartungen nicht erfüllt, sondern übertroffen. Sie hatte eine richtige Anstellung mit Gehalt und konnte für sich und ihre Sonja sorgen. Als wir vor drei Jahren nach Hosman kamen, war es unser Ziel, den Roma-Familien zu helfen. Die Jugendlichen sollten lernen, von ihrer eigenen Hände Arbeit zu leben. Ana-Maria hat es geschafft, in einem Augenblick, als ich es nicht erwartet hatte.

Jesus erhob seine Augen zum Himmel und sprach: „Vater, die Stunde ist da.“ Es war die Stunde, in der er erreichte, wofür er ein Leben lang gekämpft hatte. Wie in Israel sollten aus den Völkern Menschen zu Gott finden. Ihn berührte das Leid der Hungernden, der Kranken, der Arbeitslosen. Jesus stellte eine Eingreiftruppe von jungen Leuten zusammen, die gegen die Not kämpfen sollten. Über Jahre hinweg zeigte er ihnen, wie es ging, das Heilen und Helfen. Dorthin zu gehen, wo die Not am größten ist, auch wenn die Grenzen des Volkes und der Religion überschritten werden müssen. Nun war die Stunde gekommen, in der sich ihm nicht nur junge Leute aus Israel, sondern auch Griechen – Menschen aus den Völkern – als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anschlossen. Die Geheilten traten auf die Seite des Arztes, um seine Aufgabe weiterzuführen. Sie waren selbständig geworden, wie Ana-Maria an jenem Tag, als sie mich mit ihrer Anstellung überraschte.

Ostern zeigt uns das Ziel. Genießen wir die Stunden im Licht des Frühlings und den Blick auf das Erreichte, geschenkt und erarbeitet.