Wo schützt mich ein Verbot?

Ruth Zenkert

Es gibt Einschränkungen, die uns vor Überforderung bewahren. Wo stoße ich an Grenzen, die ich nicht überschreiten darf?

Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.
Gen 3,5

In der brütenden Sonne war es mühsam zu warten, bis ein Auto hielt. Einer stand am Straßenrand und hielt den Daumen hoch, die anderen saßen mit dem Gepäck im Schatten. Die Stimmung wurde gereizt. Marie ärgerte sich über Florin, weil er bemerkte, es sei für uns Vorschrift, sich unterwegs landesüblich zu kleiden, also nicht ärmellos und in kurzen Hosen. Marie sagte, es sei in der Hitze nicht auszuhalten und das würde sie schon selber bestimmen. Vielleicht war Maries kesse Kleidung der Grund, dass das nächste Auto anhielt, ein Kleinbus mit zwei jungen Männern. Obwohl das Auto leer war, sagten sie, sie hätten nur zwei Plätze. Florin wollte gleich einsteigen, aber Marie stieß ihn zurück und deutete ihrer Freundin Gabi, sie solle mit ihr kommen. So schnell konnten wir gar nicht schauen, rauschten sie schon lachend davon.
Wir waren eine vierzigköpfige Gruppe, Volontäre und ehemalige Straßenkinder, auf Sommerfahrt in der Türkei. Vom Norden bewegten wir uns jeweils zu fünft in Richtung Süden, Endstation Ephesus. Zu Fuß, per Anhalter, manchmal mit einem Dolmuş. Jedes Team hatte eine Landkarte und gute Tipps für die Route. Und es gab zwei Regeln: Keine kurzen Hosen, nicht ärmellos und nie Mädchen allein!
Nun waren wir nur noch zu dritt und wurden bald von zwei Arbeitern mitgenommen, auf der Ladefläche ihres Pickups. Dort hatten sie Obst in Kisten aufgeladen. Sie schenkten uns Pfirsiche und machten sogar einen Umweg, um uns bis zu unserem Treffpunkt zu bringen. Nach und nach trudelten alle ein, jeder erzählte von seinen Abenteuern. Als es dunkel wurde, machten wir uns große Sorgen, weil Marie und Gabi noch nicht da waren. Gegen Mitternacht kamen sie erschöpft und heulend an. „Wir haben die Hölle durchgemacht!“ Die Burschen hätten sie irgendwohin gefahren, und als es gefährlich wurde, seien sie an einer roten Ampel aus dem Auto gesprungen. Und bis sie endlich hierhergefunden hätten! Florin gab Marie und Gabi einen Pfirsich.

In diesem Sommer waren wir beschenkt wie noch nie. Mit Natur, sternklaren Nächten unter freiem Himmel, türkischer Gastfreundschaft, weiten Wegen auf den Spuren des Paulus. Alle genossen die Freiheit. Doch Marie hatte das Verbot, sich freizügig zu kleiden, nicht akzeptiert, ja sie hatte sogar dagegen protestiert, verführt von der Schlange des westlichen Hochmuts. Für die jungen Männer auf dem Land wirkte ihre Kleidung aufreizend und war eine Einladung.
Im Glück des Paradieses packte die Schlange Eva an derselben Ferse, alles selbst zu entscheiden. Wie Gott zu sein und Gut und Böse zu bestimmen, wenn sie die einzige Einschränkung, von einem Baum nicht zu essen, übertreten würde. Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf, versprach die Schlange. Den zwei Mädchen waren tatsächlich die Augen aufgegangen, als sie auf die Katastrophe zurollten.

Vieles ist uns möglich, aber nicht alles. Es gibt Einschränkungen, die uns vor Überforderung bewahren. Wo stoße ich an Grenzen, die ich nicht überschreiten darf?