Wissen verpflichtet

Dominik Markl SJ

Bildung ist eine Frage der persönlichen Motivation. Wer fordert mich geistig heraus?
Wenn ich nicht gekommen wäre und nicht zu ihnen gesprochen hätte, wären sie ohne Sünde; jetzt aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde
Johannes 15,22

Am 4. Juni 1938 musste Sigmund Freud Österreich verlassen, sodass die geistigen Schätze seines Arbeitszimmers heute in 20 Maresfield Gardens im Londoner Hampstead zu bestaunen sind – und nicht in der Wiener Berggasse. Ludwig Wittgenstein, der während des Ersten Weltkriegs als Österreicher den „Tractatus logico-philosophicus“ erarbeitet hatte, eines der einflussreichsten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts, starb 1951 als britischer Staatsbürger. Karl Popper, geboren 1902 in Wien, starb 1994 als „Sir“ in London. Österreich darf sich noch seiner Asche am Lainzer Friedhof am Küniglberg rühmen. Freilich, der Verlust enormer Geistesgrößen ist nicht der traurigste Aspekt der österreichisch-nationalsozialistischen Geschichte. Doch auch deren traurigste Aspekte haben wesentlich damit zu tun, dass sich der Nationalsozialismus systematisch gegen die geistige Freiheit und gegen grundlegende menschliche Einsichten richtete. Hermann Broch, Egon Friedell, Joseph Roth… Die Anzahl der kreativen Geister, die Österreich verloren hat, ist kaum abzuschätzen.

Warum bringen ausgerechnet jüdische Familien überdurchschnittlich viele Geistesgrößen hervor? Freilich, es gibt soziologische Gründe, wie etwa die Notwendigkeit, sich als Minderheit am Rande von Gesellschaften zu behaupten – eine Situation, die europäische Juden über Jahrhunderte zu außergewöhnlichen Leistungen motiviert hat. Doch ist einer der Gründe genuin religiös-kulturell, und vielleicht ist dies der wichtigste. Das Judentum basiert auf einer Kultur des Lehrens und Lernens, die im mosaischen Gesetz grundgelegt ist. Mose beauftragt sein Volk am letzten Tag seines Lebens, die göttliche Weisheit, die er am Sinai empfangen hat, in jeder Generation von klein auf zu lehren – ein Lernen, das kritische Fragen und begründende Antworten involviert. Die Motivation war groß. Denn schon Mose hatte die größten Katastrophen des Volkes vorhergesagt und gelehrt, was zu Leben und Segen führt: „Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach!“ Im selben Geist waren die Schüler Jesu überzeugt: Wer Jesus getroffen hat, den größten Lehrer ihrer Zeit, kann sich seiner ethischen Verantwortung nicht entziehen. Heute würden wir sagen: Seit Professor Freuds Publikationen kann niemand mehr behaupten, nicht zu wissen, dass wir Traumata der Vergangenheit verdrängen und neurotisch ausleben.

Nachdem die Kirche im Mittelalter das geistige Leben Europas im Wesentlichen getragen hatte, wurde ihr Verhältnis zur Wissenschaft in der Neuzeit teilweise skeptisch. Heute kann sie nur bestehen, wenn sie die Lernfreudigkeit ihrer biblischen Wurzeln wieder entdeckt. Noch mehr hat der Staat die Verantwortung, die Universitäten als Orte der geistigen Kreativität intensiv zu fördern – und man muss sich fragen, ob Österreich dieser Verantwortung nachkommt, indem es Wissenschaft und Forschung dem Wirtschaftsministerium einverleibt. Doch ist Bildung letztlich eine Frage der persönlichen Motivation. Wer fordert mich geistig heraus?