Wir werden nie fertig

Ruth Zenkert

An welchen Tagen gehe ich zur Ruhe, obwohl ich noch nicht sehen kann, was aus der Arbeit wird?

Und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.

Gen 1,8

„Nie mehr will ich da schlafen, es ist schmutzig und nichts ist aufgeräumt!“ Seit drei Jahren wohnte Ionela in unserer Gemeinschaft; nun besuchten wir wieder einmal ihre Mutter und Geschwister. Die Mutter hat zwölf Kinder von mehreren Männern und haust mit ihnen in einem einzigen Raum. Reines Chaos, keine Essensvorräte, die Kleinen schreien und werfen alles durcheinander. Ich war froh, als wir wieder gehen konnten. Und freute mich, dass Ionela nicht mehr zurück wollte. Bei uns hatte sie eine andere Welt kennengelernt und war sogar für die Volontäre ein Vorbild. Mit Sorgfalt ordnete sie ihre Kleidung in den Schrank, putzte die Schuhe, kehrte das Zimmer, half beim Kochen, deckte den Tisch.

Nun war es an der Zeit, den nächsten Schritt zur Selbständigkeit zu gehen. Ionelas großer Bruder Ghiza arbeitet in der Tischlerei. Er bekam mit seiner Partnerin und ihrem Kind eine Unterkunft von uns. Seit er von der Mutter weg ist, ist auch er verändert. So wagten wir es, Ionela und ihre Schwester bei ihnen einzuquartieren. Die beiden freuten sich, packten ihre Sachen und Ionela richtete sich ihr neues Plätzchen liebevoll ein: eine Ikone am Bett, das Deutschbuch auf dem Tisch. Wir besprachen, dass sie weiterhin alles bekommen würden, was sie brauchten, und immer in unserer Gemeinschaft willkommen seien. Morgengebet und Frühstück bei uns im Haus, danach Schule, Mittagessen und Hausaufgaben im Sozialzentrum, Abendessen gemeinsam. Am ersten Morgen warteten wir vergebens, kein Mädchen kam. Am zweiten klopften wir an der Türe, um sie abzuholen: nichts. Dann ließen wir es bleiben. Sie gehen pünktlich zur Schule, Paula lernt im Sozialzentrum, Ionela aber kommt nicht. Sie geht am Nachmittag zur Mutter und hilft, die vielen Kinder zu beaufsichtigen. Es zieht sie zur Familie, das ist gut. Aber zieht es Ionela auch wieder zurück in die Verwahrlosung? Wird sie die Schule abbrechen und bald Kinder haben, genauso überfordert wie ihre Mutter und Schwestern? Oder wird sie Boden unter den Füßen bekommen, um in die Zukunft zu gehen? Hat sie so viel Festigkeit, um die Familie mit auf ihren guten Weg zu nehmen?

Georg Fischer, Professor für Altes Testament in Innsbruck und Freund unseres Werkes, übersetzt in seinem neuen Kommentar den Bibelvers „und Gott nannte das Gewölbe Himmel“ aus dem Hebräischen so: „und Gott nannte die Feste Himmel“. In unseren Alltag übertragen heißt das für mich, Gott gibt den Menschen festen Boden unter den Füßen, einen Standpunkt. Und dann sehen wir den Himmel. Georg Fischer bemerkt auch, dass Gott am zweiten Tag mit seiner Arbeit nicht fertig wird; nur an diesem Tag heißt es im Schöpfungsbericht nicht: „Gott sah, dass es gut war.“ Das klingt wie Solidarität mit einer Sozialarbeiterin. Wir werden nie fertig – ein Trost, wenn das schon bei Gott so begann.

Ein zweiter Tag in der Schöpfung, unvollendet. Doch wir haben Boden unter den Füßen bekommen und den Blick zum Himmel. Es bleibt noch zu tun, am nächsten Tag. Und mit Gott warten wir, bis wir sehen können, dass es gut war. Ich habe mich abgemüht, das ist die einzige Sicherheit, die mich schlafen lässt.