Wir sind Lieblingsjünger

Georg Sporschill SJ

In welchem Freundeskreis finde ich zu den tiefen Fragen meines Lebens?

Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.

Joh 21,24

Am Schluss des Johannesevangeliums tritt ein letztes Mal der Autor auf und wird charakterisiert: Er ist der, der am Herzen Jesu liegen durfte und der Nachwelt überliefern sollte, was er von Jesus gehört hat. Eine zweite Angabe ragt in diesem Vers heraus. Die Gemeinde des Johannes tritt ans Licht: Sie steht dafür ein, dass sein Zeugnis wahr ist. So wird deutlich, dass ein Evangelist ohne seine Gemeinde nicht vorstellbar ist. Er wird von ihr getragen, von ihren Erwartungen und Fragen zum Schreiben geführt. Das “wir” in diesem Vers meint den Kreis um Johannes, der mit und durch ihn die Liebe Jesu erlebte. Die Leser werden in den johanneischen Kreis hineingenommen, sie werden zu Lieblingsjüngern.

Liebe Leserinnen und Leser, nun sind es fünfzehn Jahre, in denen wir, ein Freundeskreis, jede Woche das Bimail geschrieben haben. Es begann mit dem Versuch, zu jedem Vers des Johannesevangeliums eine persönliche Erfahrung und ein Wort zum Nachdenken zu bringen, Lebenskraft und Heilung aus der Bibel zu finden. Mit der Macht Gottes zu rechnen. Aus der Suche nach Inspiration aus der Heiligen Schrift wurde mehr und mehr ein Dialog mit euch, den Lesern. Ich teilte meine Fragen mit euch. Ihr habt Anteil genommen an meinen Wegen mit unseren Roma-Familien. Oft fragte ich mich: Was bedeutet dieser Gedanke für euch? Könnt ihr als Führungskraft, als Partner, als Vater oder Mutter, im Moment der Verzweiflung und bei waghalsigen Plänen mit diesen Überlegungen etwas anfangen? Ihr und viele Freunde, ihr habt mir geholfen, an die Bibel die wirklichen Fragen zu stellen und Antworten zu suchen oder offen zu lassen. Es war immer ein Dialog mit euch, liebe LeserInnen. Ich fragte nicht nur, was sagt Jesus mir, sondern was sagt er euch, Norbert, Wilfried, Robert, Margit, Peter, Sylvia …

Ein Freund aus Deutschland rief mich an und sagte, in seiner Patchworkfamilie habe er heute Licht gesehen, Mut gefasst. Eine Lehrerin, die viele Ausländerkinder unterrichtet und unter der Bürokratie leidet, schrieb mir, dass sie von denen, die sie überfordern, plötzlich Kraft empfängt, weiterzumachen. Ein alter Jesuit antwortete mir auf jedes Bimail und lässt mich seine Freundschaft spüren. Eine junge Frau meldete sich, sie will bei uns mitarbeiten. Wie viele Proteste hat es wegen Judas gegeben! Aber sie zeigten, dass hier ein wunder Punkt berührt ist, der christliche Antisemitismus. Es kam zu Auseinandersetzungen und zu Verunsicherung, ob die sogenannten Bösen wirklich die Bösen sind oder ob sie diejenigen sind, die eine schwere Last in der Familie zu tragen haben.

Um Johannes ist eine Gemeinde entstanden. Ihre Mitglieder können sagen: “Wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.” Das gilt auch für euch, liebe LeserInnen der Bimails. Euer Vertrauen und jeder Schritt, zu dem ihr durch das Bedenken eines Evangeliumverses Mut gefasst habt, macht wahr, was wir bezeugen. Dass wir Schüler Jesu sind, der uns liebt, trägt und große Erwartungen an uns hat. Ich bin dankbar für alle, die mit uns zusammengewachsen sind. Auf zu neuen Ufern! Welches biblische Buch lesen wir als Nächstes?