Wiedersehen

Josef Steiner


Trennungen und Abschiede sind schmerzhaft. Die Freude auf ein Wiedersehen ist dabei die Hoffnung. Wo wurde mir eine solche Überraschung geschenkt?

Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen.
Joh 16,16

Verunsichert, kraft- und lustlos saß ich im Seminarraum der Universität. Wie soll es weiter gehen nach der Entscheidung, den Weg zum Priesterberuf nicht fortzusetzen? Welches Fach studieren? Welche Fragestellungen vertiefen? Plötzlich legte sich von hinten eine Hand auf meine Schulter und eine sympathische, ruhige Stimme fragte: „Was machst du da? Woran arbeitest du?“ Aus dieser Berührung wuchs gemeinsam mit einem Freund die Beziehung zu einem Lehrer, zu einem geistigen Führer, der uns aus der Enge dogmatischen Denkens befreite und in die Freiheitsgeschichten der Bibel eintauchte; der in uns das Feuer zu Abenteuer und zu einem Leben aus dem Vertrauen entzündete; der unseren Blick weitete hinein in fremde Länder, Kulturen, Religionen; der uns selbstbewusst, lebensfroh und beziehungsstark machte. Doch dann entzog ihn das Leben Schritt für Schritt unseren Blicken. Die Begegnungen wurden seltener, die Telefonate spärlicher, die Gespräche inhaltsarmer, formelhafter. Abnehmende körperliche und geistige Kräfte schränkten seine Bewegungsfreiheit und seine kommunikativen Stärken ein. Ein Abschied auf Raten.

Umso größer dann die Überraschungen beim Wiedersehen. In langen Abendgesprächen bedächtige, sachliche, kluge Antworten auf einfühlsam gestellte Fragen. Auf  täglichen   Wanderungen eine von seiner sportlichen Vergangenheit her abrufbare Kondition und Ausdauer. In den Morgengebeten und  Messen mit über dreißig Romakindern ein stilles, ruhiges Mitfeiern, abgeschlossen durch von ihm gesprochene Segensworte, tief und wahr, einfach und schlicht. Bei gemeinsamen Mahlzeiten das Aufblitzen schelmischer Verschmitztheit und gruppendynamischer Klugheit. In der Stille der Nacht die Größe und der Mut, sich aus- und anziehen, sich helfen und berühren zu lassen. Wir staunten, lachten und freuten uns über die Art und Weise, wie sich  unser Lehrer und Freund zeigte und durften so überraschend neu das Geheimnis seiner Person schauen.

Ein solches Erlebnis verheißt Jesus auch den Seinen. Sie haben von ihm gelernt, seine Persönlichkeit hat sie fasziniert, gab ihrem Leben Sinn und Ausrichtung. Ein Hirte und Vater, Lehrer und Leiter in einer Person. Nun müssen sie realistisch damit rechnen – alle Zeichen der Entwicklung und des Widerstandes gegen sein Projekt deuten es an -, dass es auf den Tod zugeht und dass er ihren Blicken entzogen wird. Das wird bald geschehen. „Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr.“ Aber sein Trost ist, dass es wieder nur eine kurze Zeit dauert, dass sie ihn wieder sehen, neu schauen werden. Und so ist es ja auch gekommen, wie die Bibel berichtet.

Trennungen und Abschiede sind schmerzhaft. Die Freude auf ein Wiedersehen ist dabei die Hoffnung. Wo wurde mir eine solche Überraschung geschenkt?