Wie reagierst du auf eine Katastrophe?

Georg Sporschill SJ

Resignieren oder aufbrechen: Wann hast du den Weg in die Wüste gewagt?

Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab.

Joh 20,3

 

„Das Netz ist zerrissen und der Vogel ist frei“: An dieses Psalmwort musste ich denken, als Mihai wegging. Er war im Kinderheim aufgewachsen, seit vier Jahren arbeitete er in unserem Sozialzentrum mit. Er war zuständig fürs Brennholz und für Sauberkeit im Hof. Seine Vorgesetzte verzweifelte manchmal, weil er sich keine drei Aufträge merken konnte. Nichts tat er selbständig, immer musste sie ihn anstupsen: Kehr zusammen, trag den Mist weg, räum das Werkzeug auf.  Dann beschwerte er sich, er müsse so schwer arbeiten. Seine Chefin machte sich zu seiner Mutter. Sie überwachte ihn immer genau und bevormundete ihn auch in seinem Privatbereich. Mihai trank gerne Bier, ein, zwei am Abend, oft wurden es mehr. Man merkte ihm das am Morgen an, am weißen Gesicht, aber noch mehr an seiner Arbeitsleistung. So bekam er auch für den Abend strenge Regeln, weil er sonst untergegangen wäre. Mihai bemühte sich, damit er nicht rausflog, was die Chefin ihm immer öfter androhte. Eines Morgens fand sie in seinem Zimmer einige Bierdosen. „Jetzt ist aber Schluss“, mahnte sie ihn. Dann ging für sie der Alltag weiter. Am Abend war das Zimmer aufgeräumt, Mihai hatte seine wenigen Sachen in zwei Koffer gepackt. „So habe ich das nicht gemeint“, wollte sie ihn zurückhalten. Doch Mihai war entschlossen. Und ging hinaus. Sorgenvoll schaute sie ihm nach. Wo sollte er wohnen, wie eine Arbeit finden, würde er durchhalten? Es wurde schon dunkel, wie sollte er in die Stadt kommen, mit den zwei Koffern? Geld für ein Busticket hatte er nicht mehr, das hatte er in der letzten Nacht aufgebraucht. Aber er ging.

Das zu enge Netz war zerrissen. Es war ein Exodus, wie ihn Israel in der Knechtschaft von Ägypten wagte. Lange ertrug das Volk Israel das beschwerliche Leben in der Fremde, bis es aufbrach. Weg von den Fleischtöpfen und hinaus in die Freiheit, auch wenn der Weg vierzig Jahre lang durch die Wüste führte. Diesen Exodus wagten auch Petrus und der andere Jünger, nachdem Jesus, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt hatten, gekreuzigt war. Sie gingen hinaus und kamen zum Grab. Es war der Ostermorgen.

Auf die Geschichte von Mihai bin ich gestoßen, weil er mich gestern angerufen hat. Ganz frei erzählte er, wie es ihm in den letzten Monaten ergangen war. Wie schwer es war, einen Platz zum Schlafen zu finden. Er war froh, dass er in einem Gasthaus Teller waschen durfte. Für wenig Geld und ohne Anstellung. Doch er durfte dort übernachten. Nun habe er in einem Hotel eine richtige Arbeit bekommen. Eine schwarze Hose, Schuhe und ein weißes Hemd habe man ihm gegeben. Trinken dürfe er im Dienst auf keinen Fall. Er sagte ganz offen, wie viele Bier er am Abend trinke, doch das bekomme er in den Griff. Oft habe er bereut, dass er uns verlassen habe. Mit dem Anruf war für mich eine lange Zeit des Bangens zu Ende. Für Mihai selbst noch nicht, aber er kämpft und hat jetzt eine große Chance, sein Leben zu leben.

Resignieren oder aufbrechen: Wie reagierst du auf eine Katastrophe? Wann hast du den Weg in die Wüste gewagt?