Wie lässt sich die Welt verbessern?

Ruth Zenkert

Ist ein Kind dem Elend entkommen? Welchem Menschen durftest du helfen?

Gott vertilgte also alle Wesen auf dem Erdboden, vom Menschen bis zum Vieh, bis zu den Kriechtieren und die Vögel des Himmels; sie alle wurden von der Erde vertilgt. Übrig blieb nur Noach und was mit ihm in der Arche war.
Gen 7,23

 

Hinter dem verfallenen Holzzaun eröffnet sich mir eine chaotische Welt. Plastikmüll, Holzscheite, Stroh, Kleider und Schuhe, ein Beil, eine Feuerstelle zum Kochen, Töpfe mit eingetrocknetem Maisbrei. Dazwischen ein Pferd, ein Pony, Hühner, zwei Ferkel, struppige Katzen und Hunde. Das Haus ist eine verkommene Bruchbude, die Türblätter sind aus Plastik und Holzteilen zusammengestückelt, durch viele Löcher wird im Winter der kalte Wind blasen. Ein Zimmer hat kein Fenster. Anca hatte um dringende Hilfe gerufen. Sie kommt mir entgegen, dann wuseln auch die Kinder aus allen Ecken herbei. Es ist Mittag, einer der Großen liegt noch betrunken und regungslos auf einem Bett. Im Schatten sitzt der Jüngste, Matei, wie eine Mumie in Verband eingewickelt. Eines der kleinen Mädchen – sie ist seine Tante – hat ihn beim Streit in die offene Feuerstelle gestoßen, das kochende Wasser verbrühte ihn an Händen, Armen, Hals und Bauch. Anca will Ordnung schaffen, sie ruft einen der Buben, und sie schleppen die fast bewusstlose Oma ins Zimmer. Dort hausen Anca und die Kinder, es sind viele. Eine der Töchter hat ihre zwei Kinder bei Anca abgegeben und ist spurlos verschwunden. Der älteste Sohn hat sich den Schweinestall notdürftig eingerichtet, damit er mit Frau und drei Kindern einen warmen Platz hat. Er hat einmal in der Tischlerei mitgearbeitet, vielleicht hat ihm das ein wenig geholfen. Die drei großen Töchter haben die Schule nicht besucht. Als viel zu junge Mütter setzen sie die Überforderung von Anca fort. Alle bleiben sie in diesem Elend gefangen. Anca weiß nicht mehr weiter, sie braucht Geld für die Oma, für Matei, für die vielen Kinder. Wie oft waren wir hier und haben aufgeräumt, Dach und Boden ausgebessert, die Kinder in die Schule gebracht. Die Großen und Anca sind sogar arbeiten gegangen und haben Geld verdient. Doch das dauerte nicht lange. Ich könnte verzweifeln. So vieles ist schief gegangen, trotz dem großen Einsatz. War alles umsonst?
Eine, Paula, hat sich durchgesetzt. Sie geht in die Schule, wohnt nicht mehr bei der Familie. Nun hat sie auch die kleine Schwester Alis mitgenommen. Verwildert und verlaust waren sie, inzwischen haben sie sich als hübsche, zarte und intelligente Mädchen entpuppt. Das Schuljahr haben sie geschafft. Bei der großen Familie sehe ich kein Licht. Aber wenn Paula und mit ihr Alis einen guten Weg gehen – vielleicht retten sie einmal ihre Geschwister?
Ich gebe Anca etwas Geld, damit sie Medikamente für die Oma und Matei besorgen kann. Beim Gehen frage ich sie, ob sie nicht den Müll vor ihrem Haus einsammeln will. Mit den Kindern liest sie ein paar Flaschen auf. Ich muss lachen, wenn ich daran denke, wie neulich ihre kleine Tochter Alis unseren Volontären streng aufgetragen hat, ihr Zimmer aufzuräumen.

Ich klammere mich an unser Motto, das wir dem Talmud entnommen haben. „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ In diesem Wort leuchtet das biblische Menschenbild auf. Jeder und jede Einzelne besitzt göttliche Würde. Paula ist gerettet, sie rettet ihre kleine Schwester und vielleicht einmal viele andere.