Wie komme ich zum Trank der Freude?

Ruth Zenkert

Wo ist jener Flecken Erde, an dem du Wurzeln schlagen konntest und gelernt hast, dich einzusetzen?

Und Noach begann als Mensch des Erdbodens, und er pflanzte einen Weinberg.
Gen 9,20

„Es gibt viele Paragraphen, aber am Schluss zählt doch der Menschenverstand“, sagte mein Onkel Karl, Richter für Familienfragen. Er musste viele Scheidungsprozesse führen. Immer versuchte er, eine Lösung zu finden, die vor allem für die Kinder gut war. Eigentlich hätte er Pfarrer werden sollen, wie es bei den Familien am Land oft üblich war. Der Älteste übernahm den Hof, der zweite sollte in die Höhere Schule und dann ins Priesterseminar. Doch Karl merkte bald, dass dies nicht sein Lebensweg war, und erklärte dem Vater, dass er das Theologiestudium abbrechen werde. Er werde etwas Neues beginnen und Jus studieren. Mit dem elterlichen Hof blieb er im Herzen verbunden. An jedem Wochenende kam er nach Hause, zog sofort die Arbeitshose und Stiefel an, setzte seinen blauen Schlapphut auf und fuhr mit dem Traktor auf den Acker. Da war er in seinem Element. Auch Jahre später, als er schon eine Familie hatte, war er am Wochenende am liebsten beim Aussäen, beim Pflügen, bei der Kartoffelernte, beim Kühemelken. Als seine Tochter zu Studienbeginn schwanger wurde, ermutigte er sie, ihre Zwillinge zu bekommen, und unterstützte die junge Familie. Das Mädchen konnte das Studium beenden, denn die zwei Buben waren bei den Großeltern gut versorgt. Einer der beiden hat ein soziales Jahr in unserem Projekt abgeleistet. Er packte überall an, im Haushalt, im Garten, und brachte schwierige Jugendliche zum Arbeiten. Er sprühte vor Ideen und Lebensfreude. Die Roma-Kinder schlossen ihn ins Herz. Man spürte, er kommt „aus einem guten Stall“.

Onkel Karl hat heute noch einen großen Garten und ist stolz auf seine Tomatenzucht, über hundert verschiedene Sorten, einige auch aus Rumänien. Mich erinnert er an Noach, den „Mensch des Erdbodens“, wie ihn P. Georg Fischer – unser Freund und Lehrer – in seinem monumentalen Werk zur Genesis beschreibt. „Mit Noach beginnt eine neue Epoche, die durch das Essen von Fleisch und das Trinken von Wein gekennzeichnet ist.“ Er schafft Neues und pflanzt, wie es Gott am Beginn im Garten Eden tat. Durch Noach scheint der alte Fluch über den Erdboden, der bei der Vertreibung aus dem Paradies ausgesprochen wurde, aufgehoben zu sein. Die Erdverbundenheit machte Noach zur starken Persönlichkeit, die Initiativen ergriff und sich nicht nach dem Wind richtete. Sein Gewissen und seine Ideen führten ihn. So entwickelte er die höchste Kunst des Ackerbaus, den Weinbau. Das verlangte viel Wissen und Gespür für die Pflanzen. Ihm gelang es als Erstem, Wein zu produzieren, den die Bibel den „Trank der Freude“ nennt.
Freuen darf sich mein Onkel heute über seine Enkel und viele andere Kinder, denen er Recht verschafft und Schutz gegeben hat. Wohl, weil er ein Mensch des Erdbodens geblieben ist.

Wo ist jener Flecken Erde, an dem du Wurzeln schlagen konntest und gelernt hast, dich einzusetzen?