Wie Kolumbien um den Frieden kämpft

Dominik Markl SJ

Gurus der Hip-Hop Kultur, Intellektuelle und kirchliche Organisationen kämpfen Seite an Seite.

Da schrien sie wieder: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Straßenräuber.

Joh 18,40

Medellín kocht, wenn im grell erleuchteten Fußballstadion gespielt wird. Als die heimische Mannschaft Atlético Nacional am 27. Juli die Copa Libertadores, die südameriakanische Champions League, gewann, verwandelte sich die Millionenstadt in ein einziges Stadion, das in einem Feuerwerk explodierte. Die rundum an den Berghängen hinaufwachsenden, nach oben hin immer ärmeren Barrios feierten ebenso mit Tanz und Musik wie das schicke Partyviertel El Poblado. Das euphorische Leben und die soziale Vielfarbigkeit begeistern die internationalen Touristen, die sich in der berüchtigten Stadt des Drogenbosses Pablo Escobar erstaunlich sicher fühlen. So bunt wie die Stadt ist auch ihre Religion. Im Autobus, der einer fahrenden Disko ähnelt, hängt das kitschige Bild einer Schutzmantelmadonna im Barockornat neben der Silhouette einer unbekleideten Karibik-Nixe. In der Kirche sieht man einen Straßenräuber vor dem bluttriefenden Schmerzensmann knien. Der Betende scheint dankbar zu sein, dass Jesus für einen wie ihn gestorben ist. Das pulsierende Leben aber ist nur eine Seite der Medaille. Kolumbiens bewaffnete innere Konflikte, die über ein halbes Jahrhundert etwa 200.000 Menschenleben gekostet und mehr ein als eine halbe Million zur Flucht innerhalb des eigenen Landes gezwungen haben, haben auch Medellín geprägt. Manche Viertel entstanden aufgrund des Zuzugs von Vertriebenen. Das Museo Casa de la Memoria erinnert an die Landkarten von Attentaten, Massakern und Entführungen.

Seit der Vereinbarung eines endgültigen Waffenstillstands zwischen Regierung und FARC im Juni dieses Jahres ist die Hoffnung auf Frieden gewachsen. Doch ob die Mehrheit der Bevölkerung beim erwarteten Referendum den Ergebnissen der Verhandlungen zustimmt, ist keineswegs sicher. Manche wollen nicht akzeptieren, dass verbrecherische Rebellen straffrei ausgehen sollen. Wohlhabende fürchten Zugeständnisse an die linken Ideologien der FARC. Umso aktiver werden jene gesellschaftlichen Kräfte, die die Bewegung „Sí a la paz“ unterstützen – „Ja zum Frieden“. Die Gurus der Hip-Hop Kultur, Intellektuelle und kirchliche Organisationen kämpfen Seite an Seite um den Frieden. Alle wissen, das Ja wäre nur ein erster Schritt eines langen Weges, die Chance, Kolumbien neu aufzubauen.

Über zweihundert Burschen, die unter der sozialen Zerrissenheit der Stadt zu leiden haben, finden Zuflucht in der Ciudad Don Bosco in den Hügeln Medellíns. Sie erzählen von Kindern auf der Straße, die schon mit zwölf Jahren Revolver besitzen und Morde begehen. In den Schulen und Werkstätten der Salesianer können sie sich mit einer guten Berufsausbildung vor Drogen und Gewalt retten. Martin Baumgartner aus Wien beendet gerade seinen Auslandszivildienst in der Ciudad Don Bosco. Was hat das Jahr in Kolumbien für ihn bedeutet? „Es hat mich glücklicher gemacht“, sagt Martin. Er interessiert sich für Versöhnung in von Konflikten betroffenen Ländern und möchte sein Studium danach ausrichten. Auch Europa braucht ein Heer von gebildeten Kämpfern für den Frieden.