Werke scheiden die Geister

Georg Sporschill SJ

Wenn ich bei ihnen nicht die Werke vollbracht hätte, die kein anderer vollbracht hat, wären sie ohne Sünde. Jetzt aber haben sie (die Werke) gesehen und doch hassen sie mich und meinen Vater.

Johannes 15,24

In vielen Dörfern Rumäniens entstehen neben den orthodoxen Kirchen neue Kirchen. Evangelikale Gruppen bauen sie, meistens finanziert von amerikanischen Sponsoren. Dorthin strömt vor allem die Roma-Bevölkerung, Frauen und Kinder. Weniger die Männer, weil das Alkoholverbot zu den Regeln der Freikirche gehört. Bei uns in Ziegental dürfen die Leute einmal in der Woche bei den „Pocaiti“ – wörtlich heißt das: die Bekehrten – eine große Cola-Flasche mit Milch füllen. So machen auch die Bauern im Dorf ein kleines Geschäft. Nach dem wöchentlichen Gottesdienst gibt es auch ein warmes Essen für alle Teilnehmer. Aus Hilfslieferungen bekommen die Leute manchmal auch Kleider und Lebensmittel. Manche rümpfen die Nase, weil die Freikirche mit materiellen Anreizen Christen mache. Der orthodoxe Pfarrer hasst die Pocaiti, weil er keine Jugend mehr hat. Tatsache aber ist, dass die Großkirchen, vor allem der Platzhirsch, die orthodoxe Kirche, am Ort die Roma nicht schätzt, um es milde auszudrücken. Während die amerikanisch finanzierte Freikirche die Roma-Bevölkerung als Mitglieder ihrer Gemeinschaft willkommen heißt. Diese Hochschätzung ist es wahrscheinlich noch mehr als die materielle Zuwendung, die den Zulauf zur neuen Kirche am Rande des Dorfes gut verständlich macht. Ein evangelischer Pfarrer, der in seiner sächsischen Gemeinde allein zurückgeblieben ist, meinte resigniert, dass diese Leute als einzige die Bibel ernst nehmen. Sie vollbringen die Werke der Gerechtigkeit.

Als Jesus am Ende seines Lebens für seine Schüler sein Programm formuliert, spricht er nur von den Werken der Gerechtigkeit. Er hat sie getan, jeder konnte es sehen und für die Zukunft sind alle eingeladen, es ihm gleich zu tun. Den Hunger und den Durst der Menschen zu stillen, ihnen Liebe zu geben. Die Obdachlosen aufzunehmen und die Nackten zu bekleiden, ihnen Lebensraum und Würde zuzugestehen. Die Kranken und die Gefangenen zu besuchen und gerade am Rand der Gesellschaft die Werke der Barmherzigkeit zu tun.

Die schwärmerischen Gebete, das puritanische Alkoholverbot sind es nicht, was für die Großkirchen die Freikirchen so gefährlich macht, sondern die einfache Tatsache, dass sie etwas für die Menschen tun. Die Werke der Barmherzigkeit unterscheiden die religiösen Gruppen und genauso die politischen Parteien in den verarmten Dörfern, aus denen die Sachsen ausgewandert sind.

Werke der Barmherzigkeit provozieren mehr als Worte. Sie zwingen zur Stellungnahme.

Vielleicht erklärt es auch, warum das Thema des Bettelns in Salzburg so viele Emotionen weckt, die Jesus beim Namen nennt: Sie hassen. Wo stoßen wir auf Werke der Barmherzigkeit? Wo können wir sie sehen?

Welche Werke führen zu Aufregung und zu Diskussionen? Arg wäre nur die Gleichgültigkeit, wenn die Werke übersehen werden würden.