Wer ist Schuld an der Katastrophe?

Ruth Zenkert

Wo ist ein Mensch überfordert? Es ist nicht die Schuld, sondern die Verantwortung, die ihn zerstört.

 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre; darum liegt größere Sünde bei dem, der mich dir ausgeliefert hat.

Joh 19,11
„Warum setzen die Leute so viele Kinder in die Welt, wenn sie keine Chance haben, ihnen ein menschenwürdiges Aufwachsen zu ermöglichen?“, fragt meine geschockte Begleiterin. Als sie das letzte Mal bei uns war, war Alice einige Wochen alt; seitdem sind noch zwei Geschwister zur Welt gekommen. Die Mutter, knapp über dreißig und fünffache Großmutter, kann die Frage, wie viele Kinder sie hat, nicht beantworten, weil sie nur bis zehn zählen kann. Sie nennt die Namen, und so komme ich auf zwölf. In der kleinen Hütte leben alle eng gedrängt. Ein Gestell, das man einmal Küchenkasten nennen konnte, birgt keine Tassen, Teller und Lebensmittel sondern beherbergt ein Huhn mit sechs Küken, in einer Schublade haust ein Hasenjunges. Eine Ziege wärmt sich am Ofen, auf dem Lehmboden liegen kaputtes Plastikspielzeug, Kartoffelschalen, ein linker Schuh, Wasserkanister, ein verbogener Löffel, eine volle Windel und …

Die Roma-Frauen lieben ihre Kinder, sie sind ihre Freude und ihr einziger Reichtum. Das will und kann ich ihnen nicht nehmen. Ist es wirklich ihre Schuld, dass die Kinder keine Zukunft haben? So darf ich die Frage nicht stellen. Ihr Elend geht zurück auf das 19. Jahrhundert, als sie Leibeigene waren, von den Rumänen ausgestoßen und ohne Zuhause. Heute haben die Mädchen schon früh ständig die Überforderung ihrer Mütter vor Augen. Seit Generationen gibt es keine Tradition, in der die Tochter von der Mutter lernen könnte, wie man einen Haushalt führt. Ist es die Schuld des jungen Mädchens, wenn es in trotz dieser Umstände eine Familie gründet und den Weg der Eltern fortsetzt? Nein. Die Mütter haben eine schwere Verantwortung zu tragen. Eine Aufgabe, die sie an die Grenzen bringt, die ihnen aber das einzige Lebensglück schenkt, das sie sich gönnen können. Das sehe ich, wenn die Mutter von Alice den Jüngsten im Arm hält, schmutzig, aber aus seinen Augen blitzt ein frohes Lachen. Er ist geliebt.

Es ist schwer zu verstehen, wie Gott die Verantwortung verteilt. Auch Jesus reflektiert in seinem Prozess die Frage, wer die Verantwortung für seine Hinrichtung trägt: Pilatus, Judas, der Hohe Rat? Wen meint er, wenn er sagt, dass die größere Sünde bei dem liegt, der ihn dem römischen Gericht ausgeliefert hat? Eine Antwort lässt sich finden, wenn man den Begriff Sünde biblisch versteht. Demnach ist Sünde zunächst nicht die subjektive Tat eines einzelnen Menschen, sondern zuerst ein objektiver Missstand, eine Störung der Schöpfungsordnung. Sünde hat mehr mit der Verantwortung zu tun, die auf einen Menschen zukommt, als mit Schuld. Manche bekommen eine Aufgabe „von oben“ auferlegt, die sie überfordert. An erster Stelle Judas, zu dem Jesus sagt: „Was du tun musst, tue schnell.“ Offensichtlich ist es ein Muss von oben, das göttliche Muss. In der Hütte der Roma-Familie möchte ich nicht die Schuld der armen Mutter zuschieben, wohl aber sehe ich die Verantwortung für die Kinder, die sie hat. Und das bedeutet Überforderung.