Wenn mein Standpunkt geprüft wird

Max Heine-Geldern SJ

In Momenten der Anfrage wird deutlich, was mir wichtig ist. Wo kein Licht mehr zu leuchten scheint, können Tränen der Beginn eines neuen Weges sein.

Als Pilatus das hörte, wurde er noch ängstlicher.

Joh. 19,8

„Ich bin schwanger. Meine Eltern dürfen es nicht wissen. Und mein Freund will es nicht wissen.“ Mit diesem Hilferuf wendet sich die siebzehnjährige Anna an die Ordensschwester Margareta Kühn. Die junge Ostberlinerin vertraut der Frau mit dem seltsamen Schleier. Vor gut zehn Jahren hat die lebensfrohe Nonne zusammen mit den Salesianern Don Boscos den Grundstein für die „Manege“ in Berlin-Marzahn gelegt. Im bunten, runden Bau zwischen den eckigen grauen Plattenbauten steht die Jugend mit all ihren Sorgen und Nöten im Zentrum. Professionelle Sozialarbeit und Hilfe im Beruf bilden dabei das Rahmenprogramm. Wer hier eintritt, wird mit dem Leitspruch „Schön, dass du da bist“ begrüßt. Für Jugendliche, die mit dem Vermerk „nicht marktfähig“ abgestempelt sind, mögen solche Worte wie aus einer fernen Welt klingen. Geöffnet ist vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. „Wer nicht mehr weiter weiß, kann nicht bis morgen warten!“

Anna hat über die Jahre erfahren, dass diese Worte keine leeren Hülsen sind. Wie viele andere Jugendliche hat sie in der „Manege“ eine Heimat gefunden. Hier fühlt sie sich ernst genommen, nicht auf Leistungsfähigkeit gescannt. Allein ihre Anwesenheit wird geschätzt. Wenn sie es will, ist immer jemand für sie da. Und heute will sie es. Sie weiß nicht mehr weiter. Als sie hörte, dass sie schwanger ist, überfiel sie große Angst. Niemand will das Kind. Sie müsste sich alleine durch das Leben schlagen. Ihre Entscheidung ist klar, sie will abtreiben. Doch sie fürchtet den Termin zu versäumen, noch nie war sie pünktlich. Und sie fürchtet sich davor, in diesen Stunden alleine zu sein. Mit dieser Last auf ihren Schultern wendet sie sich an Schwester Margareta. Schon viele junge werdende Mütter hat die Nonne in solchen Situationen begleitet. Jede wird in das Haus aufgenommen, bekommt einen Schlafplatz. Man redet miteinander. Der Standpunkt der Schwester ist klar: für das Leben des Kindes. Und doch verbietet sie sich ein Urteil über die Hilfesuchenden. Viel stärker bewegt sie das Mitleid mit den Alleingelassenen. Mit jeder Geste gibt sie ihnen zu verstehen, dass sie ihnen treu zur Seite stehen wird, egal welche Entscheidung sie treffen. Viele Mädchen gewinnen durch diese Zusage neuen Mut. Sie entscheiden sich für ihr Kind. Anna nicht. Sie kann nicht mehr. „Kann ich hier schlafen?“ „Ja.“ „Kannst du mich morgen wecken, damit ich den Termin nicht verpasse?“ „Ja.“ „Kann ich wiederkommen?“ „Ja.“ Der Wunsch der Mutter stellt den Leitspruch des Hauses auf die Probe.

Pilatus fühlt sich in eine ausweglose Lage gebracht. Er sieht sich nicht fähig, das Leben eines Menschen zu schützen. Angst befällt ihn. Wie soll er entscheiden?

Anna kommt zurück. Die Schwester empfängt sie. Schweigend ziehen sie sich in ein Zimmer zurück, setzen sich an einen kleinen Tisch. Das Licht dringt durch die Finsternis. Die Frauen weinen gemeinsam. Später suchen sie nach einem Namen für das Kind. Die Trauerarbeit beginnt. Anna ist nicht allein gelassen.