Wenn Lebenswege auseinandergehen

Georg Sporschill SJ

Welcher Abschied ist ein Grund zur Freude, die bleibt? Eine Freude, die vielleicht erst aufstrahlt, wenn der Schmerz des Abschieds sich mildert.
Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude erfüllt werde.
Joh. 15,11

Andreas war neunzehn und hatte die Ausbildung abgebrochen. In mehreren Schulen und Internaten hatte er es versucht. Der junge Mann war hochbegabt, aber wahrscheinlich hatte er die Scheidung der Eltern nicht verkraftet. Schließlich war er ins Drogenmilieu geraten und zu einer bedingten Strafe verurteilt worden. Nun sollte er einen Therapieplatz annehmen. Damals bot sich die Möglichkeit, ihn bei uns im Bildungshaus der Jesuiten wohnen zu lassen. Als Pförtner verdiente Andreas dort seinen Lebensunterhalt und ging in die Maturaschule. Abends begleitete er mich zu den Jugendgruppen. Er war etwas älter als die anderen und hatte mehr Erfahrung, er wurde bewundert und geliebt. Um zehn Uhr nachts ging ich meist in mein Zimmer; dann saßen wir noch eine Stunde zusammen und redeten über alles, was am Tag geschehen war. Wir träumten von Reisen, die wir im Sommer mit Jugendgruppen durchführen würden. Manchmal führte mich mein Begleiter nachts in Drogenlokale, die ich mit Neugier und Scheu erforschte. Andreas meinte, es müsse uns doch gelingen, Drogensüchtige zu retten. Da war er über den Berg. In einem Jahr holte er den gesamten Stoff der Oberstufe nach. Kaum hatte er die Matura in der Tasche, verliebte er sich in eine junge Französin und zog zu ihr ins Elsass, um dort zu studieren. Mein treuer Begleiter war weg. Eigentlich hätte ich mich freuen sollen über das Wunder, das sich in dem gemeinsamen Jahr ereignet hatte, aber es fiel mir schwer.

Wie gelingt es, sich im Abschied zu freuen? Jesus hat für seine Schüler, für die er sein Leben hingegeben hat, das erklärte Ziel: „Damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude erfüllt werde.“ Johannes der Täufer, der Freund, freut sich über Jesus wie ein Bräutigam über seine Braut. Jesus freut sich als Lehrer beim Säen und beim Ernten. Die größte Herausforderung jedoch ist der Abschied. Wenn Jesus zum Vater geht und die Schüler zurücklässt, soll das für sie ein Grund zur Freude sein? Wie kann sich jemand freuen, der das Liebste verliert, der alles verliert? Wir stehen vor dem letzten Geheimnis der Liebe, wie wir es in der Erziehung schmerzlich-schön erleben. Das Ziel ist die Selbständigkeit des Kindes, dem wir alle Aufmerksamkeit und Liebe schenken, an das wir uns gebunden haben. Wenn es dann so weit ist, dass die Lebenswege auseinandergehen, wird dann die Freude den Schmerz des Abschieds überstrahlen? Wird die Freude im Herzen des Schülers jene Energie freisetzen, die ihn in seine Zukunft führt? Die Freude des Schülers soll sich erfüllen.

Das Ziel der Liebe ist nicht das Zusammensein und schon gar nicht das Festhalten, sondern der Abschied, das Freigeben. Für den Weg, den nur jede und jeder Einzelne selbst kennt. Viele Abschiede müssen wir nehmen.

Welcher Abschied ist ein Grund zur Freude, die bleibt? Eine Freude, die vielleicht erst aufstrahlt, wenn der Schmerz des Abschieds sich mildert.