Wenn die Unbefangenheit zerstört ist

Ruth Zenkert

Wo ist dir jemand plötzlich fremd geworden? Wo hast du dich ertappt und nackt empfunden, sodass du dich schützen musstest?

Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.
Gen 3,7

Eines Tages stand plötzlich Viorel vor der Tür. Er sei arbeitslos und habe alle Zeit der Welt, er wolle bei uns mitarbeiten, beteuerte er. Ich freute mich, denn wir waren am Beginn eines neuen Werkes und konnten Hilfe gebrauchen. Mit zwei Volontären wohnte ich in Nou, einem abgelegenen Siebenbürger Dorf, in einem alten Haus. Viorel war sehr hilfsbereit im Haushalt und in der Sozialarbeit. Wir besuchten arme Familien, besorgten ihnen Lebensmittel, lernten die Kinder kennen und begannen mit den ersten Musikstunden in der Schule. Viorel brachte die meisten Kinder in seinen Trommelunterricht. Er war ein wertvoller Mitarbeiter, der durch seine eigenen Erfahrungen eine besondere Nähe zu den Kindern hatte. Es war lustig mit ihm und spannend. Wir kochten miteinander und schrubbten die Wäsche in kleinen Wannen. Bei minus 30 Grad kroch die Kälte bei Tür- und Fensterstöcken herein, oft ging die Heizung kaputt, das Wasser war eingefroren, der Strom fiel aus. Viorel erzählte, wie er sich auf der Straße nachts gegen die Kälte geschützt hatte, das hier sei nichts dagegen. Wir wuchsen eng zusammen. Eine unvergessliche Zeit.
Dann aber wurde Viorel muffig. Er schimpfte auf die undisziplinierten Kinder, aufs Essen und stellte das ganze Projekt in Frage. Er zog sich zurück, er sei krank. Keine Medikamente konnten ihn heilen, auch ein Ausflug in die Stadt richtete ihn nicht auf. Da stellte ich fest, dass in der Haushaltskasse Geld fehlte, und fragte, ob jemand etwas gekauft habe, ohne es aufzuschreiben. Die zwei Volontäre zuckten mit den Schultern. Viorel knurrte, jetzt werde man hier auch noch kontrolliert und es sei ja wie im Gefängnis. “Darf man sich hier denn gar nichts gönnen?” Kurz darauf stand er mit gepackter Tasche da und verabschiedete sich, er habe in Bukarest zu tun. Ich ahnte, dass es für ihn der Weg zurück auf die Straße war. Erst später entdeckte ich, was im Lauf der Zeit alles verschwunden war – eine Jacke, zwei Messer, ein Ladegerät, Geld.

Unsere kleinen Schätze hatten Viorel, der mit nichts gekommen war, in Versuchung geführt. War es ein Fehler, dass jeder Zugriff zur Haushaltskasse hatte? Für ihn, der noch nie eigenes Geld gehabt hatte, glänzte das Geld mehr als unser schönes Gemeinschaftsleben. Wie die Schlange im Garten Eden, die Eva viel versprochen hatte, zu viel – der Mensch werde wie Gott sein, wenn er vom einzig verbotenen Baum esse. Das Ergebnis war, dass “sie erkannten, dass sie nackt waren”. Das Vertrauen war zerstört, obwohl Gott Adam und Eva mit Leben und guten Früchten von zahllosen Bäumen beschenkt hatte. Die Schlange hatte den Blick auf all das Gute ausgeblendet, das Verbot übertrieben und in seinem Sinn umgedreht. Der Mensch vertraute der Schlange mehr als seinem Schöpfer. Viorel bedeutete das Diebesgut mehr als unsere Freundschaft. Er musste gehen, weil er die Nähe nicht mehr aushielt.

Wo ist dir jemand plötzlich fremd geworden? Wo hast du dich ertappt und nackt empfunden, sodass du dich schützen musstest?