Wenn der Tod die Freundschaft belebt

Max Heine-Geldern SJ

Lebendige Beziehungen sprengen oft die Grenzen des Vorstellbaren  – gerade wenn der Tod dazwischenfährt.

Es kam auch Nikodemus, der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund.
Joh 19,39

Es war schon nach elf Uhr abends, als mein Handy klingelte. „Michi ist tot, komm“, stammelte Leo mit gebrochener Stimme. Völlig benommen machte ich mich auf den Weg zu seiner Wohnung. Dort traf ich auf fassungslose Freunde. Manche schluchzten leise, andere saßen einfach still da. Aus heiterem Himmel war Michi beim Fußballspielen zusammengesackt. Die spätere Diagnose nannte eine verschleppte Grippe als Ursache. Mit voller Wucht wurden wir Anfang Zwanzigjährigen mit dem Tod konfrontiert. Wie damit umgehen? Worte spendeten kaum Trost, dafür war es auch zu früh. Wir begannen zu beten. Ich weiß nicht mehr, wie es geschah, aber auf einmal wurde aus dem Gebet ein Aufbruch in die benachbarte Kirche. Dort setzten wir uns in eine Seitenkapelle. Freunde, Eltern, Verwandte trafen ein. Ob wir beteten oder einfach still waren, ich kann es nicht mehr sagen. Aber mir schien, dass in der Dichte der Gemeinschaft die Trauer jedes Einzelnen ein anderes Gesicht bekam.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, dachte ich an einen schlechten Traum. Doch Michis Tod war real, Trauer und Fassungslosigkeit waren real. Und ebenso die zaghafte Veränderung der persönlichen Trauer. In den folgenden sieben Tagen bis zur Beerdigung trafen wir uns jeden Abend in der Kirche zum gemeinsamen Gebet. Wir führten unzählige Gespräche bis tief in die Nacht. Immer wieder brach die Frage nach dem Warum auf. Wir übertünchten sie nicht mit platten Antworten. Zeigten unsere Verletzlichkeit, ließen unsere gesellschaftlichen Masken fallen.

Bis tief in die Nacht sprach Nikodemus mit Jesus über das ewige Leben. Nun war Jesus tot. Warum musste er sterben? Vermutlich hatte auch der Pharisäer darauf keine zufriedenstellende Antwort. Zurück blieb er nur mit dem Leichnam seines Freundes. Diesen ehrte er mit einer teuren Salbe aus Myrrhe und Aloe. War es ein Zeichen des Abschieds oder ein hoffnungsvolles für das Leben? Es wäre denkbar, dass sich Nikodemus an das nächtliche Gespräch mit dem Toten erinnerte und nun zu begreifen begann, dass die Beziehung zu Jesus durch den Tod nicht an Lebenskraft verlieren würde.

Viele Freunde ehrten Michis Grab mit Gegenständen, die ihnen in ihrer Beziehung zu ihm wichtig geworden waren. Waren die Rapid-Fahne, die Kassette mit deutschem Hip-Hop oder die kleine Schnapsflasche sentimentale Abschiedsgesten, Erinnerungsfetzen an vergangene Zeiten? Oder Symbole einer lebendigen Freundschaft? Hin und wieder zünde ich mir eine Toscanello an. Gerne rauchten wir zwei diese kleinen, starken Zigarren zusammen. Dabei erinnere ich mich an unser letztes Gespräch und an die intensive Zeit um seinen Tod. Auch die Warum-Frage mischt sich unter meine Gedanken. Sie hält den Schmerz über die plötzliche Trennung wach und zeigt die Grenzen unserer Welt auf, die darauf keine Antwort geben kann. Und doch werden in diesen Momenten ihre Grenzen gesprengt, denn die Beziehung zu Michi hat an Lebenskraft nicht verloren. Das ist immer wieder aufs Neue eine bewegende Erfahrung.