Wenn der „Gutmensch“ seine Mitmenschen nicht mehr versteht

Max Heine-Geldern SJ

Seit der Präsidentenwahl wird in Österreich lebhaft debattiert. Eine Chance, Brücken in fremde Lebenswelten zu schlagen.

Sie selbst gingen nicht in das Gebäude hinein, um nicht unrein zu werden, sondern das Paschalamm essen zu können.

Joh 18,28b

Die meisten Jugendlichen unseres Jugendzentrums würden sich als „Gutmenschen“ bezeichnen. Und das mit Recht. Ich staune immer wieder aufs Neue über ihre Bereitschaft, sich für andere Menschen einzusetzen. Die Jugendlichen sammeln Kleider, geben gratis Nachhilfe, verbringen ein Wochenende mit blinden Jugendlichen oder kochen regelmäßig. Ihr Einsatz für andere ist ehrlich. Dafür schaufeln sie sich Zeit frei.

Dementsprechend groß war ihr Entsetzen über das Wahlergebnis der Präsidentenwahl am 24. April 2016. Aufgebracht diskutierten sie miteinander, tauschten Wahlanalysen aus, zeitweise wurden die Wortmeldungen polemisch. Mitten in die aufgebrachte Stimmung hinein erhob sich Hannahs Stimme: „Wir können uns nicht über die Wähler der FPÖ erheben, denn wir kennen sie nicht. Wir kennen ihre Lebensverhältnisse nicht.“ Das stimmt. In den Schulklassen unserer Jugendlichen sind höchstens drei Schüler oder Schülerinnen mit Migrationshintergrund. Ihre Eltern haben meist eine akademische Ausbildung und einen verhältnismäßig sicheren Arbeitsplatz. Für mich gilt das Gleiche. Zukunftsängste kenne ich nicht. Die Flüchtlinge, die in unserem Haus wohnen, sehe ich selten. Einmal pro Woche verteile ich Kleider in einer Sozialeinrichtung. Aber einen Hofer-Wähler finde ich nicht in meinem Freundeskreis.

Jesus ist für einige Vertreter der oberen Klassen der Juden zur Herausforderung geworden. Für den Evangelisten Johannes sind sie es, die Jesus an die Heiden überliefern – an jene Menschen, mit denen sie sonst keinen Kontakt haben wollen. Von denen sie sich abgrenzen. Die Heiden sollen die schmutzige Arbeit für sie erledigen.

Das Wahlergebnis ist ein Schock für jeden „Gutmenschen“. Was hat dazu geführt? Ist etwa die wachsende Kluft in der Bildung daran schuld? Oder ist es vielmehr ein weiterer Warnruf an die Regierungsparteien und ihre Vertreter: Wir fühlen uns von euch nicht mehr vertreten! Lässt sich die Ursache auf ein Gefühl der Überforderung angesichts der Flüchtlingsströme reduzieren? Ist letztlich nicht doch die enorme Dynamik der Globalisierung Auslöser dafür, dass national orientierte Bewegungen stärker werden? Mag an all dem etwas Wahres dran sein, aber für mich als einzelnen Bürger birgt diese Form der Schuldzuweisung eine Gefahr. Ich schaffe die Möglichkeit, mich aus der Affäre zu ziehen, denn an den aufgezählten Gründen kann ich kaum etwas ändern. So bleibt mein Gewissen rein mit dem beruhigenden Gedanken: „Bist eh ein Gutmensch, mehr kannst du nicht machen.“

Statt der Schuldzuweisung reizt mich daher ein anderer Ansatz. Für die Begegnung mit ausländischen Jugendlichen organisieren Jugendzentren Fußballspiele, Musik- oder Grillabende. Warum nicht so einen Event mit den mir fremd gewordenen Mitmenschen initiieren? Es wäre ein kleiner, aber machbarer Brückenschlag als Basis einer politischen Diskussionskultur.