Wen will ich schützen?

Max Heine-Geldern SJ

Wofür man steht, zeigt sich in Momenten der Anfragen.

Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!“

Joh 21,15

Da saßen wir nun. Ein kleiner Raum, angespannte Stimmung, drei Jugendliche mir gegenüber. Vier Jahre waren wir gemeinsam auf dem Weg gewesen. Unsere Polsterschlachten und Feste, die Gespräche über Tod und Jesus schwirrten mir durch den Kopf. Vor allem aber spürte ich, wie nahe die drei mir waren. Mein Herz klopfte, denn die nächsten Worte würden entscheiden, ob wir den Weg weitergehen oder uns trennen würden.

Vor gut einem Jahr hatten sie das Kiffen für sich entdeckt. Eigentlich Spätzünder, denn das beliebte Rauschmittel fand immer jüngere Fans. Meine persönliche Aversion dagegen ließ mich oft innerlich kochen. Als ich die Leitung des Jugendzentrums übernommen hatte, betrieb es eine Gruppe besonders intensiv, kostete die Grenzen aus, und es endete mit einem zeitweiligen Rauswurf. Warum aber hatte ich die drei nicht schon längst aus dem Zentrum geworfen? Ihre erweiterten Pupillen, die Lethargie und ihr Heißhunger auf fettiges Essen zeigten, wie sehr sie die Droge im Griff hatte. Anfangs versuchte ich sie noch humorvoll zu warnen, aber das blieb ohne Echo. Sie waren bei weitem nicht die Einzigen. Immer öfters kam mir zu Ohren, das Jugendzentrum sei zu einem Drogenloch verkommen. Besorgte Eltern und Lehrer wandten sich direkt an mich. Es wurde deutlich, dass gerade diese drei zu den Drahtziehern gehörten. Sie waren Gruppenleiter, hatten Verantwortung für Jüngere. Eigentlich war das Fass übervoll. Aber vier Jahre wollte ich nicht so einfach sinnlos sein lassen. Ich wusste, wieviel ihnen das Jugendzentrum bedeutete. Schließlich war es für sie da. Es war ihre Jugendkultur, vor der ich nicht ständig nur die Tür zuschlagen konnte. Eine innere Stimme fragte mich: Wen oder was willst du schützen? Den Ruf des Zentrums? Deinen eigenen Ruf? Die Jugendlichen, deren Gruppenleiter sie sind? Was will ich den dreien mitgeben? Glaubte ich wirklich, dass eine Trennung sie wachrütteln würde? Hatte es vor vier Jahren geholfen?

Da saßen sie nun: Jesus und Petrus. Einen langen Weg waren sie miteinander gegangen. Doch im entscheidenden Moment hatte Petrus den Herrn im Stich gelassen. Warum kehrte Jesus zu ihm zurück? Was wollte er ihm mitteilen? „Liebst du mich mehr als diese?“ In diesen Worten schwingt kein Vorwurf. Er wollte nicht wissen, warum sein Freund ihn verleugnet hatte. Sich vom Sog der Flüchtenden hatte mitreißen lassen. Vielmehr teilte Jesus das Brot mit ihm. Mit diesem Gestus der Gemeinschaft stellte er Petrus vor die Wahl. Der Jünger ließ sich auf die Beziehung ein und erhielt Verantwortung. Sie sollte ihn noch ordentlich fordern. Darüber schweigt die Bibel nicht und bewahrt uns so vor allzu großer Naivität.

Meine drei Sorgenkinder entschieden sich für das Jugendzentrum und übernahmen Verantwortung für ihre Handlungen. Die Herausforderungen des Kiffens unter den Jugendlichen waren damit nicht aus der Welt geschafft – aber wir vier waren um eine verbindende Erfahrung reicher.