Welche Beziehungen haben Gewicht?

Georg Sporschill SJ

Was verbindet mich mit Menschen? Was macht eine Freundschaft aus? Welche Beziehung gibt mir Kraft?

 
Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind.
Joh 17,22

 

Wenn sich Theresia und Alina in Wien früher auf der Kärntnerstraße begegnet wären, hätten sie einander nicht beachtet, geschweige denn gegrüßt. Die Österreicherin Theresia ist 62 Jahre alt, ehemalige Kunstlehrerin. Sie ist froh, dass sie in Pension ist. So hat sie endlich Zeit für sich, ihre Freunde und Hobbys. Und sie pflegt ihren todkranken Hund, der ihr viele Jahre lang ein treuer Begleiter war. Alina, 19 Jahre alt, kommt aus Norddeutschland, hat im letzten Jahr die Matura gemacht und sucht ihren Lebensweg. Sie ist etwas schüchtern, zieht aber gerne mit jungen Leuten in der Stadt herum. Derzeit macht sie ein Praktikumsjahr in unserem Sozialprojekt in Rumänien. Vielleicht wird sie Afrikanologie studieren.
Jetzt sitzen die beiden zusammen in der Keramikwerkstatt in Ziegental. Theresia kommt alle zwei Monate und gibt Keramikkurse für die jungen Roma-Frauen im Dorf. Sie kreiert neue Modelle, die die Mädchen herstellen. Theresia zeigt Alina das Arbeiten mit der Töpferscheibe und wie sie das feine Bärtchen für die Keramikziege formen soll. Alina ist eine aufmerksame Schülerin und führt die Werkstatt in der Zeit, bis Theresia wieder kommt. Gemeinsam überlegen sie, wie sie die Abschlussprüfung für die jungen Mädchen gestalten wollen. Theresia und Alina sind nicht nur Lehrerin und Schülerin, sie sind Freundinnen geworden.

Jesus gibt seinen Freunden „Herrlichkeit“, das hebräische Wort dafür ist kabod, das heißt übersetzt: Ehre, Gewicht. Dieses Gewicht hat Gott, und es kommt auch den Eltern zu. „Ehre sei Gott“ und „ehre Vater und Mutter“: Das fasst das Zehnwort zusammen. Dieses göttliche Gewicht hat Jesus vom Vater empfangen, und er gibt es an seine Schüler weiter. Wie Eltern sollen sie sich um andere sorgen und mit Gott Neues schaffen. Ganz konkret: Es ist der Auftrag, sich für Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen, mit den eigenen Begabungen etwas zu tun für diejenigen, die nicht menschenwürdig leben können. In diesen göttlichen Auftrag nimmt Jesus seine Schüler hinein. Wer den sozialen Einsatz wagt, wird von seinen eigenen Stärken überrascht und von Beziehungen, die tiefer sind, als weltliche Interessen sie stiften können. Die Freundschaft bekommt göttliches Gewicht, das zu Großem fähig macht.

Das gemeinsame Ziel, den Roma-Familien zu helfen, hat Theresia und Alina zusammengeführt. Theresia hat in der Pension – statt der Pension! – eine wunderbare Keramikwerkstatt in einem verlassenen Dorf aufgebaut, das fünf jungen Roma-Mädchen einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz gibt. Alina macht wertvolle Erfahrungen im Kunsthandwerk und in der Pädagogik, sie ist im sozialen Jahr selbstbewusst geworden. Es ist eine Freundschaft gewachsen, die sie verbindet, auch über den Einsatz in Ziegental hinaus. Wenn sie sich in Zukunft einmal auf der Kärntnerstraße begegnen, werden sie sich viel zu sagen haben.

Was verbindet mich mit Menschen? Was macht eine Freundschaft aus? Welche Beziehung gibt mir Kraft?