Wein, Leid und Lust

Dominik Markl SJ

Der in Stürmen gewachsene Wein gewinnt Charakter. Welche Erfahrungen von Lust und Leid lassen mich reifen?
Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer.
Joh. 14,29

Wer in Londons British Museum die monumentalen Reliefs aus den neuassyrischen Königspalästen abschreitet, wird zunächst den Mut der Herrscher bei der Löwenjagd bestaunen, deren Opfer, von Pfeilen durchdrungen, Blut speiend zugrunde gehen. Dann aber gelangt man zu jener Bildfolge, die König Sanherib für den Zentralraum seines Palastes in Ninive meißeln ließ, um an seinen Feldzug im Jahr 701 v.Chr. zu erinnern. Die assyrische Armee greift hier mit Pfeil und Bogen, Steinschleudern und Rammböcken eine doppelt ummauerte Stadt auf dem Hügel an, während die Verteidiger von den Türmen Pfeile, Felsbrocken und brennende Fackeln zurückschleudern. Doch aus dem Stadttor zieht schon die Bevölkerung in die Gefangenschaft. Eine lange Reihe von Frauen und Kindern mit Sack und Pack auf dem Wagen, während einige der Männer neben ihnen gepfählt und enthauptet werden. Wer den Zug überlebt, huldigt Sanherib am Ende voller Demut. Es ist eine der wenigen Szenen, die wir nicht nur aus dieser zeitgenössischen Darstellung kennen, sondern auch aus keilschriftlichen Texten, die wir seit dem 19. Jahrhundert wieder lesen können, nachdem sie zweieinhalb Jahrtausende in der Erde verschollen waren. Sogar die Bibel erwähnt diesen Feldzug (2 Könige 18); es handelte sich um die Stadt Lachisch, etwa vierzig Kilometer südwestlich von Jerusalem.

Im Hintergrund der Grausamkeiten zeigt das Relief Olivenbäume und Weinstöcke – die charakteristische Pracht Palästinas. Öl und Wein waren die Hauptprodukte der Hügel rund um Jerusalem. Sie gehörten zu den wenigen Exportgütern des alten Israel und waren also sein Reichtum. Der Weinstock bedeutet sprießendes Leben: „Deine Frau gleicht einem fruchtbaren Weinstock im Innern deines Hauses, deine Söhne den Ölbaumsprossen, rings um deinen Tisch“ (Psalm 128). Und natürlich Lust: „Die Reben, die in Blüte stehen, geben Duft. Mach dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! … Trauben am Weinstock seien mir deine Brüste, Apfelduft sei der Duft deines Atems … Früh wollen wir dann zu den Weinbergen gehen und sehen, ob der Weinstock schon treibt, ob die Rebenblüte sich öffnet, ob die Granatbäume blühen. Dort schenke ich dir meine Liebe“ (Hoheslied der Liebe). So wichtig war der Weinstock für Israel, dass sich das Volk selbst mit ihm verglich: „Einen Weinstock hobst du aus Ägypten. Du vertriebst Nationen und pflanztest ihn ein, … seine Ranken trieb er bis hin zum Meer und seine Schösslinge bis zum Euphrat!“ So spricht Psalm 80 vom Exodus und Israels Leben im Land – aber auch von der Zerstörung: „Warum rissest du seine Mauern ein? Alle, die des Weges kommen, plündern ihn aus. Der Eber aus dem Wald wühlt ihn um, die Tiere des Feldes fressen ihn ab.“

Wenn Jesus dieses Bild vom göttlichen Winzer aufgreift und sich selbst als den Weinstock bezeichnet, schwingen dabei die Lust und das Leid des Gottesvolkes mit. In den dürren Ranken des winterlichen Weinstocks warten die Kräfte sprießenden Lebens. Der in Stürmen gewachsene Wein gewinnt Charakter. Welche Erfahrungen von Leid und Lust lassen mich reifen?