Wechselhaftes Vertrauen

Max Heine-Geldern SJ

Manche Beziehungen vertiefen sich im Loslassen.

„Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir nach!“

Johannes 21,22

Was für ein Sommerfest! Im Jesuitengarten wimmelte es von Menschen. Jung und Alt feierten gemeinsam. Jugendbands interpretierten Klassiker und spielten selbstgeschriebene Songs. Ihre Freunde jubelten ihnen zu. Andere chillten gemütlich auf bunten Picknick-Decken und ließen sich von den herumlaufenden Kindern nicht stören. Eltern brachten herrliche Speisen und schufen ein reichhaltiges Buffet. Es war ein lebendiger Abschluss des Schuljahres sowie meiner Zeit in der Jugendarbeit. Denn an diesem Tag feierten wir die offizielle Übergabe der Leitung des Jugendzentrums an meinen Nachfolger Helmut. Neben all dem Lachen, Tanzen und Feiern flossen auch Tränen, wurden liebevolle Gesten und Worte ausgetauscht.

Am nächsten Tag brach ich nach Rom zum Theologiestudium auf. Und brauchte eine lange Zeit, um in der “ewigen Stadt” anzukommen. Mein Herz und meine Gedanken hafteten bei den Jugendlichen. Wird Stefan die Wiederholungsprüfung schaffen? Werden sich Anna und ihre Mutter bald versöhnen? Wann wird Markus sich selbst mehr zutrauen? Wird Lisa ihrer Neugierde für den Glauben weiter nachgehen? Wird der neue Vorplatz gut angenommen werden? Meine Gedanken wurden vom täglichen Blick auf Facebook und Handy genährt. Jedes noch so kleine Lebenszeichen löste bei mir große Freude aus. Gleichzeitig ließ es mich spüren, dass ich nicht loslassen wollte. Die Trennung durch den Wechsel bohrte an meinem Vertrauen. Würden die Beziehungen halten? Wohin wird ihr Weg sie führen?

Vielleicht war Petrus ähnlich unsicher kurz vor seinem Aufbruch. Jesus hatte ihm eine neue Aufgabe anvertraut. Er sollte Verantwortung für die neu entstehenden Gemeinden übernehmen. Dafür war eine Trennung von seinen Freunden notwendig. Sie hatten viel miteinander erlebt. Die Trauer über den Tod Jesu und die Freude über seine Auferstehung lagen ihnen noch tief in den Knochen. Was wird wohl mit Johannes geschehen? Die harte Antwort von Jesus irritiert. War die Sorge des Petrus für seinen Freund nicht berechtigt? Oder wollte er damit nur von seinen eigenen Ängsten vor der neuen Aufgabe ablenken? Was auch immer zu seinen Worten geführt haben mag, der Aufruf des Auferstandenen „Du folge mir nach!“ stellte Petrus erneut vor die Wahl: vertraust Du mir oder deinen eigenen Vorstellungen? Diese Anfrage durchzieht wie ein roter Faden das Johannesevangelium.

Sie stellte sich mir durch meinen Wechsel nach Rom ähnlich deutlich. Wie bei Petrus war es nicht das erste Mal. Erneut begann mit ihr ein Lernprozess. Je mehr ich sie auf mich wirken ließ, desto weniger wurden meine Blicke auf Facebook und gelassener meine Gedanken an die Jugendlichen. In gewisser Weise vertieften sich die Beziehungen durchs Loslassen, und mein Vertrauen wuchs.

Vor wenigen Tagen fand wieder ein Sommerfest im Jesuitengarten statt. Ein Jahr war vergangen. Vieles war anders. Es war schön zu sehen, wie sich die Jugendlichen weiterentwickelt hatten, und dabei von Helmut liebevoll begleitet wurden.