Was wird nach den Eltern?

Ruth Zenkert

Wir müssen uns mit niemandem vergleichen, sondern dürfen schauen, woher wir kommen und wer wir sind.

Dies ist die Geschlechterfolge der Söhne Noachs, Sem, Ham und Jafet. Ihnen wurden nach der Flut Söhne geboren. …
Von ihnen zweigten sich nach der Flut die Völker der Erde ab.
Gen 10,1.32b

Völlig durchgefroren schmiegte ich mich an den warmen Holzofen. Bei minus acht Grad hatte die Trauerfeier vor der Beerdigung meines Vaters im Freien abgehalten werden müssen – Corona-Regeln. Danach fand kein Leichenschmaus statt, auch das war nicht erlaubt. So saßen wir Geschwister also allein im Elternhaus und wärmten uns auf. Auch mit den Gedanken an die Vergangenheit. Wie geborgen waren wir Kinder hier aufgewachsen. Welch schöne und frohe Familienfeste hatten wir miteinander gefeiert. Mit großem Interesse hatten unsere Eltern an unserem Leben Anteil genommen. Sie hatten uns von den Neuigkeiten der Geschwister berichtet und dafür gesorgt, dass wir miteinander in Verbindung blieben. So hatten sie die Familie geschützt, wie Noach seine Familie in der Arche. Dann waren unsere Eltern innerhalb von zwei Jahren mit über neunzig Jahren gestorben. Jetzt würde jeder seinen Weg auf dem trockenen Land gehen.

Meine älteste Schwester lebt für ihre große Familie und pflegt ihren Gemüsegarten. In der Jugend war sie eine Rebellin gegen alle Großen und Mächtigen. Geblieben ist, dass sie sehr sensibel ist und aufspringt, wenn jemandem Unrecht angetan wird. Mein Bruder hat schon als Kind anspruchsvolle Literatur gelesen und klassische Musik gehört, heute ist er Philosophieprofessor. Er hat eine ebenso tüchtige Frau und zwei hochbegabte Kinder. Meine Zwillingsschwester hat viele Ausbildungen absolviert, ist ehrgeizig, fleißig und eine gesuchte Therapeutin. Die jüngste Schwester hat das Down-Syndrom und lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft. Mit ihrer Empathie gewinnt sie alle. Sie hat Antennen, die bis ins Jenseits reichen, mit den Eltern spricht sie über ihr „Himmelstelefon“. Mich nennt sie ihren Lehrling, das bin ich gern. Von ihr empfange ich Liebe und Lebensfreude und lerne, wie ich sie weitergebe. Ich lebe seit bald vierzig Jahren als Sozialarbeiterin in besonderen Familien. Mit Obdachlosen, Straßenkindern, Fremden, Jugendlichen aus dem Wohlstand, Verrückten und Genies.

Aus unserer Familie sind fünf so unterschiedliche Persönlichkeiten entwachsen. Wir alle haben Kinder, Schützlinge, Patienten und Freunde, die uns in verschiedene Richtungen ziehen. Sie werden weitergehen und sich hoffentlich erinnern an die bunte Kleinfamilie mit den Eltern in der Arche. Mit den Söhnen – und Töchtern! – Noachs teile ich den Blick in die Zukunft: „Von ihnen zweigten sich nach der Flut die Völker der Erde ab.“

Am Familientisch, im Teamgespräch und in der Politik kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen und bringen ihre Welt ein. Es kostet Mühe, einander zu verstehen, bis die Vielfalt ihre Schätze zeigt.

Wir müssen uns mit niemandem vergleichen, sondern dürfen schauen, woher wir kommen und wer wir sind. Daraus erwächst dann unser Beitrag.