Warum klagt hier jemand an?

Ruth Zenkert

Qualität und Motivation des Anklägers bestimmen, ob eine Beschuldigung gerechtfertigt ist.

Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?

Joh 18,35

„Da, schau dir das an!“ Wütend knallt Andrea ein Schulheft auf den Tisch. „Roxana kümmert sich einfach nicht genug um die Kinder!“ Fünf Reihen mit dem Buchstaben „G“ sollte der Bub schreiben, aber es waren nur vier, die letzten Zeichen zudem bloß lustloses Gekritzel. Was wohl die Lehrerin am nächsten Tag sagen wird? Komisch, erst vor wenigen Stunden war Roxana bei mir, um sich zu beklagen, dass Andrea den Schrank nicht aufgeräumt habe. Täglich kommen die beiden Erzieherinnen mit gegenseitigen Beschuldigungen. Die andere würde nur mit dem Handy spielen, nicht darauf achten, dass die Zähne sauber geputzt sind, immer den gleichen Käse aufs Pausenbrot schmieren, die Kinder allein im Zimmer lassen. Ich wohne mit den Kindern und den zwei jungen Frauen unter einem Dach und achte besonders darauf, was geschieht, geht es doch um den Schutz und das Wohlergehen der Kinder. Roxana und Andrea machen ihre Arbeit gut, doch ihre Eifersucht aufeinander springt ins Auge. Jede kämpft darum, dass die Kinder sie mögen. Wer ist die bessere Erzieherin, wem vertrauen sie sich mehr an? Haben die jungen Frauen Angst um ihre Position? Ich denke nicht daran, sie mit den abstrusen Fakten, die sie mir täglich servieren, zu konfrontieren. Was kann ich tun, um Frieden zwischen ihnen zu schaffen?

Um den Unterschied von Motivation und Fakten geht es auch im Prozess, der Jesus gemacht wurde. Was war geschehen? Der gefesselte Jesus hat den allmächtigen Richter aus der Fassung gebracht, durch eine einfache Rückfrage nach der Anklage, er gebe sich als König der Juden aus. Jesus fragt Pilatus nach seiner Authentizität: „Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?“ (Joh 18,34) Der Statthalter stottert nur herum: „Bin ich denn ein Jude?“ Niemand hat ihn danach gefragt. Und weicht in eine Aufzählung äußerer Fakten aus: „Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert.“ Pilatus hat „das jüdische Volk“ in seiner Provinz im Blick und nicht die messianische Bewegung, die sich herauskristallisiert. Eine brisante Situation. Viele Juden waren damals von Jesus begeistert und sahen in ihm einen Messias – manche auch einen Revolutionär -, mit dem es gelingen könnte, die römische Besatzung abzuschütteln. Die jüdischen Autoritäten fürchteten zu Recht, dass ein Aufstand schreckliche Strafaktionen durch die Besatzungsmacht nach sich ziehen würde. Sie wollten Ruhe bewahren und bevorzugten es deshalb, den Unruhestifter auszuliefern, statt das ganze Volk zu gefährden. Von der eigentlichen Frage aber, ob Jesus seitens der Hohenpriester zu Recht an den römischen Gerichtshof überstellt worden ist, will Pilatus nichts wissen. Er befragt nicht die Motivation der Auslieferer, sondern den Ausgelieferten: „Was hast du getan?“

Wird jemand angeklagt, heißt es zuerst herausfinden, wer das tut. Handelt der Kläger aus Rache oder aus Angst? Erst wenn sein Motiv klar ist, kann der Richter den Beschuldigten befragen.