Wähle das Leben, damit du lebst!

Dominik Markl SJ

Das tiefe Verbundensein mit der göttlichen Gegenwart – Glauben – ist Leben.

Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Johannes 20,31

Die letzten Stunden des Lebens sind angebrochen. Mose hält seine Abschiedsreden und schreibt sie nieder. Gott ruft ihn auf den Berg Nebo und zeigt ihm das verheißene Land. Mose stirbt „auf dem Mund Jahwes“ (Deuteronomium 34,5), das heißt, auf Gottes Befehl hin, oder – wie die Rabbinen es deuten – auf Gottes Kuss. Niemand kennt das Grab des Mose (34,6). Würde man es finden und nur einen Spalt weit öffnen, so denken die Rabbinen, könnte die Welt das aus ihm hervorbrechende Licht nicht ertragen. „Nie wieder ist ein Prophet in Israel erstanden wie Mose“, verkündet die Tora an ihrem feierlichen Ende, hinsichtlich all der Zeichen und Wunder, die er getan hat „vor den Augen ganz Israels“ (34,12). Auch das Johannesevangelium verweist an seinem ersten Abschluss feierlich auf die Zeichen, die Jesus „vor den Augen seiner Jünger“ getan hat (20,30).

Für Johannes ist Jesus der Prophet wie Mose, den dieser selbst angekündigt hatte. Obwohl Mose einzigartig war, hatte Gott ihm ja schon am Berg Horeb verkündet: „Einen Propheten wie dich will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen. Ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird zu ihnen alles reden, was ich ihm befehlen werde“ (Deuteronomium 18,18). „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll“, schreibt der Evangelist über Jesus (Johannes 6,14).

Mose, ein Prophet großer Zeichen, ist auch Schriftsteller. Er schreibt die Tora (Deuteronomium 31,9), darin auch Segen und Fluch (Deuteronomium 28). Das geschriebene Wort hat eine verheißungsvolle, aber auch eine bedrohliche Macht (Deuteronomium 29,26, vergleiche Offenbarung 22,18). Mit Segen und Fluch beschwört Mose am Ende seiner Reden eine dramatische Wahl zwischen Leben und Tod herauf: „Wähle das Leben, damit du lebst!“ (Deuteronomium 30,19). Worin besteht das Leben? „Zu lieben Jahwe, deinen Gott, auf seine Stimme zu hören und an ihm zu hängen, denn er ist dein Leben“ (30,20). Auch für das Johannesevangelium geht es letztlich um das Leben. Die Zeichen, die Jesus vollbracht hat, sind darin niedergeschrieben, damit wir glauben, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit wir „als Glaubende Leben haben in seinem Namen“. Das tiefe Verbundensein mit der göttlichen Gegenwart – Glauben – ist Leben.

„Im Anfang war das Wort“ – so beginnt Johannes über den Messias zu sprechen, indem er auf den Beginn der Tora verweist: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Am Ende des Evangeliums zeigt er Jesus als den neuen Mose, indem er das Ende der Tora anklingen lässt. Im Johannesevangelium sind so die fünf Bücher Mose als eine tiefe Sinndimension vorausgesetzt und „aufgehoben“, im mehrfachen Hegel’schen Sinn. Wir können daher das Evangelium nicht so recht verstehen, ohne auch die Worte der Tora, die Schriften des Mose, aufmerksam zu lesen und wie einen basso continuo im Hintergrund des Evangeliums zu hören. Jetzt aber höre ich auf zu schreiben. Würde man alles über Jesus zusammenschreiben, könnte die Welt, vermute ich, die Bücher nicht fassen.