Vorbereitung auf den worst case

Georg Sporschill SJ

Bindung und Ziel: Zu wem gehöre ich? Was wollen wir gemeinsam?

Das habe ich euch gesagt, damit ihr keinen Anstoß nehmt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.

Joh 16,1-2

Bald nach der rumänischen Revolution von 1989 wurde ich zu den Straßenkindern nach Bukarest geschickt. Als 1993 Franz Fuchs seine Briefbomben an Menschen verschickte, die sich für Ausländer einsetzten, bekam auch ich einen solchen Brief, mit all den bekannten Merkmalen. Es war nur eine Attrappe. Für mich blieb allerdings die Botschaft: Wenn ich mich für Randgruppen einsetze, mache ich mir auch Feinde.
Inzwischen lebe ich mitten unter den Roma-Familien in Ziegental. Unsere Mitarbeitergemeinschaft ist klein, umso mehr setze ich auf jeden Einzelnen. Die Leute in der trostlosen Roma-Siedlung blühen auf, viele arbeiten mit, die Kinder kommen ins Sozialzentrum und lernen, sie toben sich aus auf dem bunten Spielplatz. Die Stimmen der alten Rumänen im Dorf sind kritisch. Manche sind neidisch, weil jetzt die „schmutzigen Zigeuner“ stark werden und Selbstbewusstsein zeigen. „Wer zum Teufel hat diese Leute hierher gebracht? Unser Dorf ist verflucht, die Zigeuner werden immer mehr hier, sie ziehen sie an“, schimpfen sie. Hätte man keine guten Nerven , würde man seine Sachen packen und gehen. Aber die Probleme kommen nicht nur von außen. Eines Tages begann Viorel, unruhig zu werden. Er war vor Jahren als kleiner Bub von der Straße zu uns ins Kinderhaus in Bukarest gekommen. Nach der Schule fand er keinen Arbeitsplatz, weil er sehbehindert ist und sich überall schwer tut. So nahmen wir ihn zu uns. Nun begann er, schlechte Stimmung zu machen, kam zu spät zur Arbeit, war drei Tage verschwunden. Ich hörte, dass er mehr Geld, eine andere Aufgabe, nicht mehr in unserer Gemeinschaft leben wolle. Es gelang ihm, auch die anderen Mitarbeiter in unserer Gruppe so zu beeinflussen, dass sie plötzlich unzufrieden wurden und nicht mehr mitmachen wollten. Wollten alle gehen? Mussten wir unser Experiment der Lebensgemeinschaft mit Roma in Ziegental aufgeben oder wieder von vorn beginnen? Hätte ich mich nicht an die Briefbombe erinnert, die mir sagte: Pass auf!, hätte ich vielleicht aufgegeben. Wir besprachen unsere Konflikte , Viorel ging und versucht sein Glück allein, die anderen sind geblieben. Vielleicht kommt auch er zurück.

Kann man jemanden auf den worst case vorbereiten? Jesus tut es mit seinen Schülern. Er sagt ihnen voraus, dass die eigenen Leute sie ausschließen werden, sie, die Juden, aus der Synagoge. Und später wird es noch ärger kommen. „Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“ Die heidnischen Machthaber, die über Tod und Leben zu richten haben, werden sie aus Überzeugung ausrotten. Jesus bereitet die Jünger auf den worst case vor. Sie sollen nicht vergessen, wie es ihm, dem Gründer und Freund gegangen ist. Wie es am Anfang war. Retten kann man sich im worst case mit der Überlegung: Zu wem gehöre ich und wozu bin ich da? Was wollen wir gemeinsam?